Einen berührenden Vortrag hielt Dr. Ansgar Klein auf Einladung der Freunde des Archivs der Stadt Rheinbach im Glasmuseum zum Thema "NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis 1933-1945". Der Rhein-Sieg-Kreis hatte in Kooperation mit dem Landschaftsverband Rheinland vor kurzem eine Gruppe von Forschern beauftragt, die Medizinverbrechen im heutigen Kreisgebiet zu erforschen Das Projekt beschäftigt sich vor allem mit Zwangssterilisierungen und Euthanasie. Klein gab nun einen Werkstattbericht über die ersten Ergebnisse einige Monate nach Beginn des Projekts.

Zunächst informierte der Referent über die Geschichte der Gesetzgebung zu diesem Thema Schon im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts diskutierte man weltweit über die Notwendigkeit von Sterilisationen. Das führte in verschieden Ländern Europas und Nordamerikas zu gesetzlichen Regelungen. In Deutschland trat am 1. Januar 1934 „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. Aufgrund dieses Gesetzes wurden bis 1945 ca. 400.000 Menschen fast immer unter Zwang unfruchtbar gemacht. Damals wurden Erbgesundheitsgerichte eingerichtet, die über Anträge von zumeist Amtsärzten, von Ärzten in Zuchthäusern oder von Heil- und Pflegeanstalten beschieden. Für Rheinbach war das Erbgesundheitsgericht Bonn zuständig. In der Bundesrepublik bekamen die Opfer keine Wiedergutmachungszahlungen mit dem Argument, das sie nicht als Opfer „typisch“ nationalsozialistischer Verfolgung betrachtet werden können. Erst 1988 erklärte der Deutsche Bundestag das Gesetz als nationalsozialistisches Unrecht.

Im ehemaligen Landkreis Bonn sind für die ersten Jahre etwa 130 Anträge auf Sterilisation jährlich dokumentiert, so dass man von weit über 500 Fällen ausgehen kann. Mit dem Siegkreis zusammen sind für den heutigen Rhein-Sieg-Kreis rund 3000 Akten auszuwerten. Bisher konnten mehr als 1600 davon ausgewertet werden.

Für Rheinbach stellte Ansgar Klein fest: "Nach Auswertung von etwas mehr als die Hälfte der zu untersuchenden Akten wurden 83 Personen, davon 15 Frauen bei der Erbgesundheitsbehörde angezeigt, davon waren 50 Inhaftierte der Strafanstalt."

Laut Dr. Kleins Unterlagen wurden 57 Anträge auf Sterilisation genehmigt, 7 Fälle abgelehnt. Bei 19 Anträgen konnte nicht festgestellt werden, wie letztendlich entschieden wurde. Wie in Siegburg spielte die Strafanstalt in Rheinbach eine besondere Rolle. Der Anstaltsleiter Dr. Georg Westenberger stellte infolge von Gutachten des Anstaltsarztes Dr. Franz Klinkenberg 50 Anträge auf Unfruchtbarmachung. 39 davon wurden nachweislich genehmigt.

Bis heute konnte Dr. Ansgar Klein auch für Rheinbach zwei Euthanasiefälle nachweisen. Die beiden Männer kamen in der Tötungsanstalt Hadamar bzw. in der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen ums Leben.

 

Justizvollzugsanstalt Rheinbach
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