Begrüßung durch den Vorsitzenden
Dietmar Pertz bei seinem Vortrag
Die Runde der Archivfreunde

und mit ihm 35 Archivfreunde, die sich am Donnerstag, den 30. Juni zum Sommerfest im Himmeroder Hof zusammenfanden. Dietmar Pertz brachte – vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsproblematik – Beispiele zur Migration aus der Geschichte unserer Stadt in Erinnerung.

In seinem Streifzug durch das Thema „Migration und Rheinbach“ betrachtete Dietmar Pertz an vier Beispielen die unterschiedliche Motivlage der Betroffenen im Detail. Hermann Löher, angesehener Rheinbacher Bürgermeister und Schöffe geriet im Zusammenhang mit den Hexenprozessen selbst in Verdacht und musste mit seiner Familie 1636 über Köln nach Amsterdam flüchten. Dort führte einen Textilladen. Wirtschaftlich war ihm dort kein weiterer Aufstieg vergönnt. Intellektuell war für ihn der Umzug von der Kleinstadt mit rund 600 Einwohnern in die rund 160.000 Seelen zählende europäische Metropole von großem Nutzen. Er hatte Zugriff auf die aktuelle Literatur der Zeit und aktuelle Zeitungen informierten ihn über das aktuelle Weltgeschehen. Dies spiegelt sich in seinem1676 verfassten Buch „Hochnötige Unterthanige Wehmütige Klage Der Frommen Unschültigen“ wider. Sein soziales Umfeld bildeten die rund 25.000 deutschsprachigen Flüchtlinge, die damals in Amsterdam lebten.

Wirtschaftliche Not veranlasste Johann Fuhs aus Niederdrees, so wie viele andere in Europa auch, Mitte des 19. Jahrhunderts seine Heimat zu verlassen und in Amerika, z. B. in Milwaukee, einen Neubeginn zu wagen. Die damalige Auswanderungswelle zum Beispiel allein im Jahre 1845 rund 136 Personen aus Rheinbach Stadt und Land in die USA. Die meisten kamen als Bauern und erschlossen neue Ländereien. So bildete man zunächst kleine eigenständige Gruppen. Der neue Ort, der sich bildete, nannte sich Fussville, die neuerbaute Kirche wurde, wie in Niederdrees, dem heiligen Antonius geweiht. Der Eingliederungsprozess, z. B. in Bezug auf die Sprache konnte so langsam erfolgen.

Ganz anderer Natur waren die Zwänge, die während der Schreckensherrschaft der Nazis ab 1933 Rheinbacher Juden veranlassten, im Ausland Schutz zu suchen. Rund 25 von ihnen gelang die Flucht nach Großbritannien, Chile, Argentinien oder in die USA. Darunter befand sich auch Gustav Geisel, der 1911 in Rheinbach geboren wurde. Nachdem er in Berlin und Bonn erfolgreich ein Jura-Studium absolviert hatte, blieb ihm der Eintritt in den Staatsdienst verwehrt. 1938 emigrierte er in die USA. Seine Eltern und Geschwister folgten ihm Anfang der 1940er Jahre.

Am Ende des 2. Weltkrieges erlebte Rheinbach eine umgekehrte Migrationswelle. Die „Heimatvertriebenen“ kamen in großer Zahl auch nach Rheinbach. 1950 zählte man zusätzlich zu der Einwohnerzahl von etwa 10.300 für Stadt und Land Rheinbach rund 1700 Flüchtlinge. Viele stammten aus dem Sudetenland und kamen und mit ihrem Gewerbe, der Glasveredelung in die Voreifelstadt. So konnten sie hier nicht nur Fuß fassen, sondern entwickelten das wirtschaftliche Spektrum so entscheidend weiter, dass wir heute von der "Glasstadt Rheinbach" sprechen können.