von Siegfried Formanski

Der Vortrag wurde im Rahmen der Jahreshauptversammlungversammlung am 25. März 2014 gehalten.

 

Bildungsgang und reformatorische Denkweise

ln den Jahren 2009 bis 2011 habe ich mich bei der Vorbereitung des Jubiläums „450 Jahre erste evangelische Predigt in Flamersheim” u. a. auch mit Lutter Quadt von Landskron befasst, der als Herr von Miel, Tomberg und Oberwinter im 16. Jahrhundert die Reformation in seinen Gebieten gefördert hat und auf den dieses Jubiläum zurückzuführen war. Lutter Quadts Bedeutung für den Beginn der Reformation in Flamersheim ist unbestritten. ln der Folgezeit aber hat mich die Frage nach den Hintergründen und der Motivation beschäftigt, warum sich er und seine Frau, Sophia von Palant, beide aus rheinischem Altadel stammend, voll und ganz der Reformation verschrieben hatten. ln Bezug auf Lutter Quadt bin ich dieser Frage weiter nachgegangen, vor allem in Richtung Bildungsgang und konfessionelles Handeln. Es gab damals und gibt bis heute in Flamersheim nur ganz wenige Quellen, die ich heranziehen konnte. Quellensuche war also angesagt, und an dem, was ich bisher dabei gefunden habe, möchte ich sie heute ein wenig beteiligen.

1. Lutter Quadt – Bildungsgang (1)

Die in Adelskreisen übliche elementare schulische Ausbildung, bis etwa zum Alter von zehn Jahren, ist grundsätzlich und an Beispielen in Band 3: „Adlige Lebenswelten im Rheinland” in der Schriftenreihe des Vereins „Vereinigte Adelsarchive im Rheinland", herausgegeben von Gudrun Gersmann und Hans-Werner Langbrandtner, gut belegt, dokumentiert und nachzuvollziehen. Sie dürfte im Prinzip auch für Lutter Quadt zutreffend gewesen sein.

Lutter Quadt wurde 1519 in Miel, dem damaligen Wohnsitz der Familie, geboren. lm gleichen Jahr wurde Karl V. im Alter von 19 Jahren in Frankfurt zum römisch-deutschen König gewählt und im Folgejahr in Aachen durch den Kölner Erzbischof, Hermann V. von Wied. gekrönt. Lutter hat noch vier weitere Geschwister, den ältesten Bruder, Hermann d. Ä., zwei ältere Schwestern, Catharina und Anna und den jüngeren Bruder, Hermann d. J. Der Vater teilt das Erbe unter seinen drei Söhnen so auf, dass Hermann d. Ä. die Burg Landskron und Hermann d. J. die Burg Rheindorf erhalten, während Lutter, der für den geistlichen Stand bestimmt war, auf eine Trierer Domherrenpräbende vorbereitet werden sollte.

Ab etwa fünf Jahren wird er in der Burg Miel, wahrscheinlich, da der Vater im landesherrlichen Dienst häufig abwesend war, durch seine Mutter, evtl. auch durch einen zeitweilig anwesenden Hauslehrer, unterrichtet worden sein. Heusgen nennt in der Dekanatsgeschichte von 1926 für die Zeit von 1443 bis 1555 für Miel vier katholische Pfarrer. Zwischen 1524 bis 1529 könnte auch einer von ihnen Hausunterricht auf der Burg Miel gegeben haben. Dabei wurden in der Regel Grundkenntnisse in Sprachen, im Rechnen und im Lesen vermittelt. Bei den Sprachen diente Latein zum Gedächtnistraining und Französisch, ggfs. italienisch, primär als Vorbereitung für ein juristisches Studium. Hauptziele der häuslichen Erziehung aber waren Charakterbildung, Frömmigkeit und Gottesfurcht sowie, wie es in einem Unterrichtsplan des Freiherrn von Fürstenberg für seine Söhne steht, „Disziplin, Selbstkontrolle und Training der geistigen und körperlichen Eigenschaften. Müßiggang und alle unkontrollierten emotionalen Äußerungen waren verpönt. Das Gefühlsleben musste in geregelte Bahnen gelenkt werden, zugelassen war allein die Liebe zu Gott und zu den Eltern und Geschwistern".

Vom 6. bis zum 10. Lebensjahr wird also auch für Lutter der Tag zwischen 06:00 Uhr morgens bis 19:00 Uhr entsprechend der Abfolge von Unterricht, Selbststudium und spärlicher Freizeit strukturiert gewesen sein, mit gewissen Differenzierungen an Sonn- und Feiertagen, an Arbeitstagen, und an den Erholungstagen, Dienstag und Donnerstag.

So früh wie möglich, also in dem Jahr in dem man 10 Jahre alt wird, lässt der Vater folgerichtig 1529 seinen Sohn Lutter zum Eintritt als Domizellar in das Domkapitel von Trier in Begleitung neutraler adliger Zeugen daselbst vor dem Domkapitel aufschwören. Mit der Aufschwörung wollte das Domkapitel sicherstellen, dass nur Anwärter eintreten, die sowohl Stiftsfähigkeit und Stiftsmäßigkeit nachweisen konnten. Damit sollte der ausschließliche Zugang aus Adelsfamilien sichergestellt bleiben, die über mindestens drei, später waren es vier, Generationen, adlige Herkunft nachweisen konnten.

Nach der Liste der Trierer Domherren ist Lutter der erste Domizellar aus dem Geschlecht der Quadt von Landskron. Dementsprechend genau und beglaubigt mussten zum Nachweis der Stiftsmäßigkeit und der Stiftsfähigkeit Ahnentafeln, Ahnenproben, Heiratsurkunden und dergl. vorgelegt und beschworen werden. Ein Nominierter war stiftsfähig, wenn er in der so genannten 8-ter Ahnenprobe mindesten die Abstammung von acht adligen Urgroßeltern, die ihrerseits jede/jeder einzelne aus stiftsmäßiger Familie sein mussten, nachweisen konnte. Lutter war einer von nur fünf Domizellaren, der 1529 in Trier aufgeschworen wurde, wobei jährlich nur zwischen zwei und sechs Anwärter aufgenommen wurden. Das war für das Geschlecht der Quadt von Landskron sicherlich ein Grund stolz zu sein, denn die vorrangige Maxime des Adels jener Zeit war es, vor allem Ansehen und Bedeutung der Gesamtfamilie zu mehren. Ein hoher Geistlicher konnte dazu sicherlich gut beitragen.

Zwischen 1529 und 1582 treten weitere 6 Familienangehörige als Domizellare in das Trierer Domkapitel ein. Allerdings nur einer von ihnen, Wihelm von Quadt von Landskron, wählt letztlich die geistliche Laufbahn. Er wird Mitglied des Domkapitels von Trier und ist als Chorbischof und Scholaster tätig. An ihn erinnert in Trier noch heute das Haus einer Trierer Domkurie, die ehemalige Kurie Quadt in der Windstrasse 1A, die von ihm 1594 umgestaltet wurde.

Als Domizellar wohnt man für geringen Zins in einer der Domkurien. Domizellare wurden bereits mit Naturallieferungen an Wein und Korn, später auch mit Geld präbendiert. In den ersten 6 Monaten gibt es Präsenzpflicht. Danach war es wohl etwas lockerer. Lutter bleibt dort bis 1534, also 5 Jahre. Das sind, nach heutigem Verständnis, die ersten fünf Jahre eines lnternatgymnasiums. Sie bereiten auf die Universität vor.

Von 1534 bis 1536 studiert Lutter an der Universität Köln. Die alte Universität zu Köln wurde als vierte Universität in Deutschland, am 21. Mai 1388 gegründet und nahm am 6. Januar 1389 mit zunächst 20 Professoren den Lehrbetrieb auf. Die Stadt Köln finanzierte etwa ein Drittel der Stellen als öffentliche Professoren; ein weiteres Drittel, insbesondere in der Rechtsfakultät, wurde durch Pfründen finanziert. Daneben wurde an zehn der größten Kölner Stiftskirchen je ein Kanonikat zur Finanzierung von 10 weiteren Professorenstellen an der Universität vorbehalten. Damit war auch die geistliche Verbindung zur Kirche gesichert.

Der Lehrbetrieb findet statt in mehreren Lehrgebäuden und Bursen. Letztere waren die damaligen Studentenwohnheime, an denen aber auch gelehrt wurde, nämlich das Grundstudium oder „studium generale". Die Gebäude der Universität verteilten sich im Gebiet um den Dom und die heutigen Strassen „An der Rechtsschule", „Komödienstrasse", „Unter Sachsenhausen", „Enggasse" und „Stolkgasse". Viele der Gebäude gehörten seit langer Zeit geistlichen Bettelorden, wie den Franziskanern, den Karmelitern oder den Augustinern, die bereits seit dem 13. Jahrhundert in Köln Generalstudien angeboten hatten.

Die Universität Köln hatte die damals üblichen vier Fakultäten. In der so genannten Artistenfakultät wurden die jüngeren 7 freien Künste, im „trivium” mit Grammatik, Logik und Rhetorik und im „quadrivium" mit Arithmetik, Astronomie, Geometrie und Musik gelehrt. Diese bereiteten auf das Hauptstudium entweder in der theologischen, der juristischen oder der medizinischen Fakultät vor. Die Kölner juristische Fakultät lehrte „utrumque ius", also beide Rechte, Kirchenrecht und Kaiser- oder Römisches Recht. Theologie und Jura waren die vom Adel bevorzugten und für angemessen erachteten Studiengänge, bereiteten sie doch unmittelbar auf höhere Stellungen in Kirche oder Staatsdienst vor. Medizin war mehr etwas für „Bürgerliche".

Mit 15 Jahren tauchte Lutter Quadt also ein in die fremde und neuartige aber auch sicherlich spannende Welt der Universität zu Köln. Sein Vater, der ja als kurkölnischer Rat selbst Römisches Recht studiert hatte, wird ihn sicherlich darauf vorbereitet haben. Er tauchte aber auch ein, vielleicht auch ab, in eine lebendige und pulsierende Stadt mit internationalem Flair, die für einen vielfältig interessierten jungen Menschen viel zu bieten hatte, war sie doch mit über 40.000 Einwohnern, darunter vielen Fremden, darunter auch Kaufleute aus verschiedenen Ländern, die größte Stadt im Heiligen Römischen Reich nördlich der Alpen. Köln war zudem auch ab ca. 1535 mit 200 bis 250 Druckereibetrieben eine große, wenn nicht die größte deutsche Medienstadt; eine für damalige Verhältnisse nahezu unerschöpfliche Informationsquelle. Köln bot also beste Voraussetzungen, eine Studienausbildung auch optimal mit dem Hauptstudium abschließen zu können. Dennoch beendet Lutter 1536 seine akademische Ausbildung am Ende des „quadríviums”. In der Trierer Domherrenliste ist dazu kurz und bündig vermerkt: „Austritt (1536) wegen Heirat”!

Über die Gründe dafür können nur Vermutungen angestellt werden. Als er das Studium abbrach stand eine Heirat nicht unmittelbar bevor. Auch sprachen keine „dynastischen" Gründe dafür, zu heiraten, um das Aussterben der Familie zu verhindern. Sein älterer Bruder, Hermann, der seit 1531 verheiratet war, hatte bereits drei noch unmündige Kinder, darunter mindestens einen Namensträger. Heirat steht hier also vermutlich für die spätere Absicht, auch eine Familie gründen zu wollen, was mit der geistlichen Laufbahn allerdings unvereinbar war. Daher wohl die Entscheidung vor Beginn des Theologiestudiums. Offen bleibt dann aber noch die Frage, warum er sich nicht, wie sein Vater, für ein Jurastudium entschieden hatte, um seine Chancen auf eine gute Laufbahn im Staatsdienst zu wahren.

Der Vater steht als Rat in kurkölnischen Diensten. Er gehörte 1530 zum Gefolge des Kurfürsten Hermann von Wied beim Reichstag in Augsburg und ist ab 1531 bis 1540 Landdrost von Westfalen. Da sein Dienstort Arnsberg ist, ist er sehr häufig auch längere Zeit von Miel abwesend. Grund für den Studienabbruch könnte also durchaus die durch die längeren Abwesenheiten des Vaters bedingte familiäre Situation gewesen sein. In jedem Fall aber dürfte Lutter die Entscheidung zum Studienabbruch nur im Einverständnis und nach längerer Abstimmung mit dem Vater getroffen haben.

1537 stirbt die Mutter und 1539 sein älterer Bruder. Die unmündigen Kinder des Bruders werden jetzt testamentarisch abgesichert und Lutter selbst soll nunmehr als Erbe Tomberg, Miel und mit seinem jüngeren Bruder Hermann d. J. zu gleichen Teilen den quadtschen Anteil an Oberwinter erhalten. Als sein Vater 1542 im Alter von 72 Jahren stirbt, tritt der Erbfall ein. Mit 23 Jahren ist Lutter Quadt nun Oberhaupt der Quadt von Landskron Familie und Herr von Miel, Tomberg und in Oberwinter. 1545 heiratet er Sophia von Palant, die Erbin der benachbarten Dorfherrschaft und Burg Flamersheim. Sie ist eine entschiedene Anhängerin der reformierten Konfession. Das Paar hat wahrscheinlich zunächst in Flamersheim gewohnt, denn die Burg in Miel war, altersbedingt, kaum noch bewohnbar und musste erst kostenaufwendig umgebaut und renoviert werden.

2. Lutter Quadt - Reformatorisches Denken und Handeln (2)

Es gibt bis heute keine unmittelbare Quelle, aus der nachzuweisen wäre, warum Lutter Quadt sich, zusammen mit einer Reihe von Verwandten und Standesgenossen aus der Jülicher und Kölner Ritterschaft, dem reformierten Bekenntnis angeschlossen hat. Nur aus seiner Verhaltensweise in kirchlichen Dingen und aus seinem Umgang mit Personen reformierten Gepräges und ihren Institutionen lässt sich schließen, dass er der reformierten Sache zugetan ist. Vorsicht, ja geradezu Scheu, sich öffentlich zum reformierten Glauben zu bekennen, und eine Vorgehensweise, die manchmal den Eindruck erweckt, der reformierte Glauben wird eher geradezu verleugnet, werden vielleicht verständlich, wenn man bedenkt, dass, neben den Altgläubigen, nur die Anhänger der Augsburger Konfession, also die Lutheraner, unter dem Schutz des Reiches standen. Der Brief Lutter Quadts betreffend Oberwinter von 1565 und das von Kelm in seinem Beitrag in großen Teilen zitierte Protokoll seiner Vernehmung vor der Ratskommission in Köln von 1567, lassen beispielhaft einiges über seine Glaubenseinstellung und Vorgehensweise erkennen.

Rechtsverhältnisse in Oberwinter

Durch die Ehe mit Elisabeth von Saffenberg, eine der beiden Erbtöchter von Tomberg und Landskron, mit Lutter Quadt von Landskron d.Ä. kommt 1441 eine Hälfte der Herrlichkeit Oberwinter an die Quadt von Landskron und damit 1542 an Lutter Quadt von Landskron d.J., der der reformierten Konfession zugetan ist.

Die zweite Saffenberg Tochter bringt durch Heirat die andere Hälfte von Oberwinter an Friedrich von Sombreff. Über die Sombreff gelangt dieser Anteil 1506 an die Grafen von Manderscheid-Schleiden, die seit 1559 Lutheraner nach Saarbrücker Kirchenordnung sind.

Landesherr in Oberwinter ist bis 1567 der pfälzische Kurfürst. ln der Pfalz war bereits 1545/46 zunächst eine lutherische Reformation eingeführt, aber erst 1555, nach dem Augsburger Religionsfrieden, zum Abschluss gebracht worden. Mit dem Heidelberger Katechismus geht die Pfalz 1563 aber formell zum reformierten Bekenntnis über. Als Kurpfalz 1567 Oberwinter gegen das zu Jülich gehörende Dorf Gaulsheim am Rhein, oberhalb von Bingen, tauscht, wird der Herzog von Jülich neuer Landesherr, der sich in Glaubensfragen indifferent verhält.

Zur Reformation in Oberwinter

Erster evangelischer Prediger war Christian Wirtzius, seit 1555 Pfarrer in Oberwinter, wahrscheinlich ein Lutheraner. Er, seine Anhänger, wie auch die noch katholischen Gläubigen, wurden bis etwa 1560 zunächst zunehmend und wiederholt von sektiererischen Predigern, vor allem calvinistischer Observanz, die jetzt auch nach Oberwinter hereinströmten, vehement angegriffen. Erst danach, so schreibt Hermann Bauer,

„waren beide Kirchen die Helenakirche in Birgel und St. Laurentius in Oberwinter fest in evangelischer Hand. Das einfache Volk aber erlebte das Geschehen ganz anders, als die Obrigkeit. Der Übergang von einer Konfession zur anderen vollzog sich nach zeitgenössischen Berichten kaum merklich für die Einwohner. Erst im Gottesdienst erkannten sie, ob ein Messpriester oder einer 'von der anderen Religion' den Gottesdienst hielt. Es gingen die gleichen Leute in die Kirche, aber sie waren nicht mehr katholisch."

Fortgang und Bestand der Reformation in einem Ort, so die Erkenntnis Lutter Quadts, sind vor allem abhängig von überzeugenden Pfarrern. In den nächsten Jahren aber gab es, wegen der Pest, so gut wie keine Pfarrer in Oberwinter, weder katholisch noch reformiert. Lutter Quadt kümmert sich nun auch zunächst mehr um seine Herrschaften Tomberg und Miel. 1561 findet auf der Burg Flamersheim der erste evangelische Gottesdienst statt und in Miel hatte sich, wie 1571 die Anwesenheit „derer von Miel” auf der ersten Jülicher Synode belegt, eine kleine evangelische Gemeinde formiert.

1565 erhält Lutter Quadt einen Brief seines pfälzischen Landesherren, der auffordert, den pfarrerlosen Zustand in Oberwinter zu beenden und die Reformation hier wieder voran zu bringen. Nach der Aufforderung des Kurfürsten schreibt Lutter noch im Juni/Juli 1565 zwei Briefe, einen an den Bonner Propst Gropper und einen an den Grafen Manderscheid.

Zunächst bittet er Gropper um seine Einwilligung zur Anstellung des Predigers Jakob Postel in Oberwinter. Er begründet dies damit, zitiert nach Hermann Josef Fuchs, dass,

„die Oberwinterer in der gefehrlichen Zeit des Sterbens (gemeint sind die jüngsten Pestjahre) lange Zeit ohne Seelsorger und gar trostlos gelassen worden seien, darüber dann etliche Einwohner ohne Kirchen recht gestorben seien".

Auf diesen Brief antwortet Gropper, so Fuchs in seinem Aufsatz, erst sieben Jahre(!) später, nämlich dann, als er offenbar zum ersten Male merkt, dass die ihm aus Oberwinter zustehenden Einnahmen ausbleiben, weil diese jetzt für den Unterhalt des neuen Predigers verwendet werden. Gegen die Anstellung hatte Gropper aber keinerlei Einwände erhoben.

Über das Schreiben des Kurfürsten und über seinen Brief an Gropper berichtet Lutter im zweiten Brief am 2. Juli 1565 an Manderscheid und teilt diesem mit:

„... und dieweil hochgedachte ire Churfürstlichen Gnaden auch ire Gemüt fernner dahin entdecken, nemblich dass dieselbe der augspurgischen confession als die auf götlicher schrifft gegründet, verwandt und zugethon, die dan allen und jeden des heiligen Reiches glidern und unterglidern vermüge desselben reichsabscheids frei vergündt und zugelassen, in maßen ich mit nichtenz zweiffeln, Eure Gnaden werden sich dero selben bekanntnuß auch fürlings haben ergeben, wie dan ich für mein person auch in der Zeit gerne bekenne, hab ich mir meins theils sölich churfürstlich trew und gnedigst schreiben desto lieber angelegen sein lasse. ”

Beide, der Kurfürst und er selbst, bekennen sich also dazu, „der Augsburger Konfession zugetan” zu sein. Mit dieser geschickten Formulierung verstieß man auf keinen Fall gegen ein Reichsrecht, ohne sich „lutherisch" nennen zu müssen. Damit aber erscheint die Anstellung des Jakob Postel in einem ganz anderen Licht. Indem er sich den Worten des Landesherrn anschließt, lässt Lutter den Manderscheider glauben, er selbst stehe auch auf dem Boden der Augsburger Konfession, worauf der Manderscheider keine Einwände gegen Postel hat. Doch schon nach einem Jahr muss Postel auf Betreiben Manderscheids aus Oberwinter abziehen. Postel neigte der reformierten Konfession zu und das hatte der Manderscheider wohl spitz bekommen. Lutter musste jetzt also auch nach innen noch vorsichtiger sein. Vor seinen adligen Gesinnungsgenossen bezeichnet er sich weiterhin als Anhänger der Augsburger Konfession. Vor anderen Autoritäten, in Sonderheit katholischen, sprach er aber lieber noch unverbindlicher davon, dass er sich den Religionsverwandten 23 zugehörig fühlte. Vielfach wurden gerne auch alle protestantischen Konfessionen als religionsverwandte Konfessionen bezeichnet.

Bevor 1601 evangelische Prediger endgültig in Oberwinter und Birgel der Gegenreformation weichen mussten, konnten aber Lutter Quadt und der Graf von Manderscheid einvernehmlich eine Reihe von Pfarrern in Oberwinter einsetzen. Der für die Gemeindeentwicklung wichtigste darunter war der aus Vilich stammende, eindeutig reformiert denkende Prediger Georg Nehmen. Die durch Lutter Quadt und ihn betriebene Wendung zum reformierten Bekenntnis und zum Anschluss an die presbyteriale und synodale Ordnung der Kirche blieb erhalten und gab der Gemeinde über 1601 hinaus für die folgenden sieben Jahrzehnte Halt und Hilfe, bis durch den Religionsvergleich zwischen Brandenburg und Pfalz- Neuburg von 1672 auch ihre öffentlich-rechtliche Existenz gesichert war.

Aus der Vernehmung vor der Ratskommission zu Köln

Ab 1567 suchen evangelische niederländische Glaubensflüchtlinge in erheblicher Zahl in Köln Zuflucht. Ein bedrängter Rat versucht dies, wenn schon nicht ganz zu verhindern, so doch einzudämmen. Ein Ausschuss wird eingesetzt und befugt, des Sektierertums und der Ketzerei verdächtigte Personen vorzuladen und auf ihre religiöse Gesinnung zu prüfen.

Lutter Quadt hatte öfters in Köln geschäftlich zu tun, unter anderem wegen Lehnsverpflichtungen gegenüber dem Kurfürsten von Köln und dem Herzog von Jülich. Wenn er in Köln war, haben ihn oftmals auch seine Frau und Kinder begleitet. Sie wohnten dann im Hause Bomberg im Kirchspiel St. Peter bei Wolkenburg an der Wolkuchen zur Miete. Er war in Köln sicherlich auch als evangelisch gesinnter Inhaber nicht unbedeutender Herrschaften bekannt. Auch Lutter Quadt wird daher vorgeladen.

Die Niederschrift seiner Aussagen vor der Ratskommission ist in den Reformationsakten des Historischen Archivs Köln erhalten geblieben.

Nach Verlesen des Ratsbefehls bezieht er sich zunächst auf die religiösen Wirren in den benachbarten Niederlanden und räumt dem Rat durchaus das Recht ein, auch in Glaubensdingen für Ruhe und Ordnung unter den Bürgern sorgen zu müssen und den Verdächtigen nachzuspüren. Dann bittet er die Abgeordneten, seine Ausführungen wohlwollend aufzunehmen und ihn in der Eidespflicht (Bürgereid) nicht anders zu behandeln als andere Adlige auch.

Als ihm vorgeworfen wird, er habe Sektierer in seinem Bereich geduldet, wehrt er sich vehement dagegen.

„Belangend aber die schreckliche secten der widertauffer und sacramentierer, so von keinen sacramenten halten wollten, were bei ime nicht zusuchen, were daran nicht allein fur seine person nicht schuldig, sondern hette auch furlengst und auch noch kurtzlich seinen vogt (das ist 1569 in Miel Richard Hertgen), schultheiß und anderen befelhabern inn seinen herrschaften und gebieten ernstlichen befelch geben, ob dieselbe mit sondern fieis zu halten, und was deren befunden, alle seine gebieten und herrlichkeiten ohne einiche gnaden zu verweißen... ”

Das also ist seine Vorgehensweise gegen Sektierer und Ketzer. Zu Frage nach seiner persönlichen Glaubensüberzeugung sagt er aus und ist dabei sehr selbstbewusst:

„Und were er fur seine person nicht gemeint einiches andere religion (wie wol er alhe keine rechenschaft von seinem zugeben schuldig) anzunehmen, den die er von seinen voreltern vererbt und die tage seines lebens erhalten und profitiert und Christus und die heiligen Aposteln selbst gelert und nachgelassen haben... ”

Auf Christus, die Apostel und die Heilige Schrift haben sich die Anhänger der reformatorischen Lehre allgemein berufen und ihre Haltung vor der katholischen Autorität zu rechtfertigen versucht. Eine ähnliche Aussage bezüglich der christlichen Erziehung ihrer Kinder findet sich auch im Testament Lutter Quadts und seiner Frau Sophia von Palant vom 3. Februar 1578.

Lutter Quadt ist in Flamersheim seinen Kollatorpflichten gegenüber der katholischen Kirche und Gemeinde korrekt nachgekommen und die wenigen evangelischen Gottesdienste fanden nicht heimlich in der Burg statt. So kann er denn auch den Anschuldigungen wegen Ketzerei in Köln guten Gewissens mit den gleichen Argumenten begegnen und er lässt sich keinerlei Verstöße gegen die äußere Ordnung in kirchlichen Angelegenheiten nachweisen. Ebenso ganz entschieden wehrt er sich auch gegen den Vorwurf, dass in seinem Hause heimliche religiöse Versammlungen abgehalten worden seien.

3. Zusammenfassung

1. Kirchenreform und/oder Reformation, diese Thematik beherrschte die Problemdiskussionen der Zeit ab etwa 1520 in Deutschland. Daran beteiligte sich zunehmend auch die jüngere Humanistengeneration. Der bisherige, von Antike-Begeisterung geprägte Renaissance-Humanismus, bekam dadurch eine christlich-religiöse Perspektive. Zeitgleich hatte bereits die damalige moderne Schulbildung ebenfalls reagiert, die jetzt vor allem sprach-orientiert und erkennbar humanistisch geprägt war. Ein Schlagwort der Zeit war: „Humanitas oder durch gutes Latein zum besseren Menschen“. Die Kölner Universität reagiert in zweifacher Hinsicht: sie öffnet sich vermehrt ausländischen Professoren und Studenten und sie reformiert zwischen 1523 bis 1525 die Artes-Fakultät. Ziel: Gewinn von Deutungshoheit durch intensives Studium der alten Texte.

ln Ausbildung, Bildung und Erziehung Lutter Quadts werden diese neuen philologischen Ansätze deutlich sichtbar und es ist gut denkbar, dass er während seiner Kölner Studienjahre zwischen 1534 bis 1536 durchaus auch etwas von den kirchlichen und staatlichen Reformbemühungen des Hermann von Wied mitbekommen hat.

Mit Lutter Quadt studiert, nach seinem Vater, bereits die zweite Quadt Generation und er selbst hat diese Tradition mit seinem zweiten Sohn gleichen Namens fortgesetzt, der sich am 2. Juni 1568 in Marburg immatrikuliert hatte.

2. ln relativ offener Form enthält Lutter Quadts Brief an Manderscheid kurz und knapp klare Aussagen, Antworten und überraschende Bekenntnisse. Überraschend ist insbesondere die Aussage, dass der Landesherr und er selbst sich der Augsburger Konfession, zugetan fühlen, muss man doch und mit Recht vermuten, dass dem eigentlich so nicht war! Was also kann dahinter stecken?

Ich denke, es handelt sich mehr um eine politisch taktische Äußerung, denn das, was man wirklich war, durfte in diesem Fall öffentlich und nachweisbar nicht bekannt werden. Das „ius reformandi” des Augsburger Religionsfriedens galt für die fürstliche Oberschicht und auch alle reichsunmittelbaren Grafen und Ritter gegenüber ihren Untertanen, aber es galt auch die Einschränkung auf die Altgläubigen und die Anhänger der Augsburger Konfession. Man konnte sicher für sich und im Herzen reformiert denken, aber offen eine reformierte Reformation zu betreiben, das verstieß gegen Reichsgesetz. Hier musste besonders Lutter Quadt als kleiner Adliger vorsichtig sein, hatte er doch wegen Miel einen katholischen Landesherrn, der gegebenenfalls nicht zimperlich sein würde, dagegen vorzugehen. Die kleine evangelische Gemeinde in Mlel ist im Truchsessischen Krieg (um 1588) untergegangen.

Wir erkennen einen Lutter Quadt, der vor kurzem von den Jesuiten noch der Bilderstürmer von Miel und Oberwinter genannt wurde, der jetzt aber auf dem schmalen Grat zwischen dem, was er möchte und dem, was das Recht ihm erlaubt, versucht, die alte Kirche in seinen Bereichen und eigentlich zu ihrem Vorteil zu reformieren. Dabei kommt es offenbar weniger auf die reine und zwischen Lutheranern und Reformierten unterschiedliche theologische Lehre in allen Details an, als vielmehr auf die grundsätzlichen Gemeinsamkeiten der beiden Konfessionen. Die Menschen sollten sichtbare und verständliche Änderungen erkennen können. Vor allem aber sollten sie verstehen - im wahrsten Sinne des Wortes - was im Gottesdienst gesprochen wurde und vorging. Sie sollten Teilhabe am Abendmahl in beiderlei Gestalt haben und sie sollten sich in einer demokratisch presbyterial und synodal geprägten Grundordnung in der Gemeinde selbst einbringen und wieder finden können. In einer Weinbaugemeinde wie Oberwinter war es dabei sicherlich kaum angebracht, die Reformen mit dem Verbot des Trinkens von Alkohol zu beginnen und dennoch zu hoffen, damit Gläubige für sich gewinnen zu können. Nach dieser Devise hat er auch seine Prediger ausgesucht.

3. Lutter Quadt ging in seinen Gebieten mit der Reformation recht behutsam und klug vor, denn sie musste in den Menschen langsam reifen und die Menschen mussten auch behutsam überzeugt werden. Seine Vorgehensweise hat nicht zuletzt dazu beigetragen, dass die Gemeinden in Flamersheim und in Oberwinter die Zeit der Gegenreformation und die Zeit des 30-jährigen Krieges überstanden haben und heute mit zu den ältesten evangelischen Gemeinden im Rheinland zählen.

 

 

(1) Für diesen Teil beziehe ich mich vor allem auf die Arbeit: „Die Ständischen Verhältnisse am Domkapitel von Trier vom 16. bis zum 17. Jahrhundert" von Sophie-Mathilde Gräfin zu Donna, die 1955 von der Philosophischen Fakultät der Universität Göttingen als Dissertation angenommen wurde. Auf diese Arbeit bin ich im vergangenen Jahr bei Recherchen im Diözesanarchiv und in der Diözesanbibliothek in Trier gestoßen. Der Arbeit basiert vor allem auf Quellen des Trierer Domkapitels.

(2) Grundlagen der Ausführungen hierzu sind: Originalbrief Lutter Quadt an Graf von Manderscheid, StA Koblenz. Aufsatz „Obenwinter wird reformiert" von Hermann Keim, mit ausführlich belegten Quellenangaben, in: Monatshefte für evangelische Kirchengeschichte des Rheinlands, 1967. Aufsatz „Herrlichkeit Oberwinter' von Hermann Bauer, in: Heimatbuch, Kreis Ahrweiler, 1975. Aufsatz „40O Jahre evangelische Christen in Remagen“ von Hermann Josef Fuchs, in: Heimat-Jahrbuch Remagen, 1986.