von Rolf Greiff, StD. i.R.

Der Vortrag wurde im Rahmen der Jahreshauptversammlung am 25. März 2015 gehalten.

 

1. Die allgemeine Bedeutung der lateinischen Sprache für die Nachwelt

Ein so genanntes RÖMERJAHR wurde für 2014 ausgerufen; vor allem im Rheinland zeigte die Bevölkerung im Besuch einer bunten Vielzahl von Ausstellungen und Veranstaltungen, wie groß das Interesse an einer für heutige Sichtweise untergegangenen Kultur immer noch ist. Das Todesjahr des Kaisers Augustus im Jahre 14 nach unserer Zeitrechnung war der äußere Anlass, sich dem Römertum wieder zu nähern und staunend den Errungenschaften der damaligen Zeiten gegenüberzustehen.

Die damalige Eroberung Galliens (58 - 51 v. Chr.) und des links-rheinischen Teiles Germaniens unter Augustus und seinen Nachfolgern im ersten Jahrhundert nach Christus brachte nicht nur den Römern Vorteile, sondern war prägend für die rasante kulturelle Entwicklung dieser Gebiete. Die Römer zeigten vor allem in der Bautechnik, seien es Straßen oder Bauten, seien es Wasserleitungen und Bergdurchquerungen in Form von Tunnels, zu welchen Meisterleistungen sie fähig waren. Die Bevölkerung, vor allem wenn sie den Widerstand gegen die Fremdherrschaft aufgegeben hatte, profitierte aber in erster Linie zunächst einmal von Lebenswichtigem: Kein Wunder, dass gerade im Bereich der Landwirtschaft, des Weinanbaus und der Viehhaltung sich bis heute unglaublich viele lateinische Wörter in dem Sprachgebrauch unserer Vorfahren finden lassen, von denen man immer gemeint hatte, diese Ausdrücke seien deutscher Herkunft: Fenster, Keller, Straße, Mauer, Dach, Ziegel aus dem Bauwesen oder Karren, Striegel, Pflanze, Wein, Korb aus dem bäuerlichen Bereich.

Bildung, Unterricht und Universitätswesen gehen in erster Linie auf die Römer zurück, die Sprache der Mediziner wäre ohne ihre anatomischen Fachausdrücke, die lateinischen oder griechischen Ursprunges sind, nicht mehr international. Auch der Apotheker verständigte sich mit den Ärzten auf Lateinisch. Auch heute noch müssen alle medizinisch zur Verwendung kommenden Chemikalien und Drogen auf den Standgefäßen in den Apotheken lateinisch bezeichnet werden. Sogar auf den Rezepten finden wir so geheimnisvolle Abkürzungen, wie

Rp recipe nimm!
Rep/it repetatur/iteretur soll wiederholt werden


In der Botanik und Zoologie hat Carl von Linné die bis noch heute gültige Namensgebung der Pflanzen- und Tierwelt geschaffen.

Die Rechtswissenschaft mit ihrer systematischen Ordnung gilt als besonders charakteristisch für den römischen Geist. Das CIC (Corpus Iuris Civilis) – im Jahr 534 verfasst – bildet den Abschluss einer etwa 1000-jährigen Rechtsentwicklung und als letztes große Vermächtnis der Römer an die Nachwelt. Selbst im BGB (seit 1.1.1900) waren viele einzelne römische Rechtsgrundsätze verankert. Auch dem Laien ist mancher Satz schon mal begegnet.

In dubio pro reo Im Zweifel für den Angeklagten (entscheiden)
Audiatur et altera pars Auch die Gegenseite soll angehört werden
Actori incumbit onus probandi Dem Kläger obliegt die Beweislast
Pacta sunt servanda Vertrag ist Vertrag


Die katholische Kirche hat bis zum 2. Vatikanischen Konzil (1962 -1965) ihre gesamte Liturgie auf Lateinisch gefeiert. Ohne Latein geht es aber auch heute noch nicht: es gibt nach wie vor die Messe auf Lateinisch; der Vatikanstaat sendet täglich auch in lateinischer Sprache seine Nachrichten und nicht zuletzt die päpstlichen Rundschreiben (Enzykliken), die nach den Anfangsworten des jeweiligen Textes (flagranti cura/ pacem in terris) benannt werden, sind lateinisch verfasst, weil sie international als Grundlage jeder Übersetzung in der Landessprache gelten. Wir erinnern uns: Papst Benedikt XVI hat seinen überraschenden Rücktritt vor zwei Jahren vor dem Kardinalskollegium auf Lateinisch angekündigt, was sich auch bei einigen Kardinälen anfangs als Sprachhürde erweisen sollte.

Die Älteren unter uns, die schon in der vorkonziliaren Epoche erwachsen geworden sind, sind als Katholiken mit dem Latein geradezu groß geworden. Viele waren Messdiener und haben die mitunter langen lateinischen Gebete, wie den Introitus, das Confiteor, Suscipiat, Sanctus, Agnus Dei, Domine, non sum dignus und natürlich das Pater Noster alle auswendig können müssen, obwohl sie manchmal gar nicht den Inhalt verstanden haben. Kein Wunder, dass der Volksmund oft das, was er immer wieder hörte, teilweise mit eigener Interpretation versah:

Wo versteckte sich denn der Junge Dominus, nach dem der Priester immer wieder zu rufen schien: „Dominus, wo bist Du?“, gemeint natürlich war: „vobiscum“ (mit Euch). Oder die geheimnisvollen Worte, die der Priester während der Wandlung sprach: „Hoc est corpus meum“ (Das ist mein Leib). Das Volk machte daraus das Zauberwort: HOKUSPOKUS.

Ein Kreuz

2. Zeugnisse des Lateinischen in Rheinbach

Grabsteine auf den Friedhöfen

Für uns in Rheinbach sind lateinische Zeugnisse ohne diesen von mir beschriebenen Hintergrund gar nicht denkbar. In erster Linie haben unsere lateinischen Funde etwas mit der Kirche zu tun, auf dem Friedhof St. Martin findet man reiche Auswahl vor allem bei den alten Grabsteinen.

Allen bekannt ist die Inschrift auf dem Kreuz: INRI (Jesus Nazarenus Rex Iudaeorum). Bei den Römern musste alles, auch bei der Verhängung der Todesstrafe, seine juristische Richtigkeit haben; denn nichts fürchtete man so sehr, als Vertreter der Staatsgewalt rechtlich belangt werden zu können, wenn man seine Amtszeit beendet hatte. Also entnehmen wir dem Kürzel, dass der Name und Herkunft des Verurteilten und der Grund für die Todesstrafe korrekt genannt werden mussten.

Friedlicher geht es schon bei anderen Grabaufschriften zu:

RIP (Requiescat In Pace) Möge er in Frieden ruhen! Oder

IN MEMORIAM (Zum Gedächtnis) oder

IHS (Jesus Heiland Seligmacher, richtiger IN HOC SALUS (In Ihm ist Heil, Erlösung)

Grabsteine

Ein 1927 errichtetes Hochkreuz – an dem Orte der 1789 abgebrannten Pfarrkirche im Friedhof St.Martin – erregt auch unsere Aufmerksamkeit, wenn wir die Rückseite betrachten. Die Inschrift ist offensichtlich von einem alten Kreuz übertragen worden . Hans Josef Henk datiert diese auf 1810. Wenn wir nun dem Text folgen und hier ein Chronogramm vermuten, käme mit viel gutem Willen ein anderes Datum heraus

Das Hochkreuz von 1927
Das Hochkreuz von 1927
Hochkreuz

Chrysto Medjatory sVo
Ponebant pastor et
paroChjanyrhenobaCenses

Vorausgesetzt, dass der klein gesetzte Buchstabe “d” dem Zahlzeichen für “D” (500) entsprechen soll, müsste die Jahreszahl MDCCCV (1805) lauten. Diese widerspricht aber der anderen oben benannten Quelle. Auf 1810 käme man aber, wenn man die „y“ und „j“ in üblicher Schreibweise als „i“ (= I) betrachtete, vor allem, wenn man weiß, dass in der Aussprache sich die beiden Buchstaben auch wie ein „i“ anhörten.

 

Ein ganz besonderer Reiz geht von folgendem Grabstein aus:

Der Grabstein der Beatrix Kertzmans
Der Grabstein der Beatrix Kertzmans
CONDITA HOC Geborgen (unter) diesem
TUMULO VIRTUO Grabhügel (liegt) die tugendhaf-
SA HONESTI GOD te (Frau) des ehrenhaften Got-
FRIDI KRUDWICH fried Krudwich
BEATRIX Beatrix
KERTZMANS Kertzmans
CUIS AIA REQ IP ?


Da setzt also ein Gotfried Krudwich seiner tugendhaften Gattin Beatrix Kertzmans einen Grabstein. Ungewöhnlich, wenn wir auf andere Grabsteine schauen, die aus der gleichen Zeit stammen. Sie sind - bis auf eine leider kaum leserliche Ausnahme - auf Deutsch verfasst. Übrigens lernen wir nebenbei noch, dass zu dieser Zeit die Ehefrauen nicht den Namen ihres Mannes trugen. Wer war dieser Gotfried Krudwich? Wir wissen, dass die Familien Krudwich oder Krautwich in Rheinbach zumindest in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der ja auch Rheinbach betroffen hat, eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Aus der fleißig geführten, nicht immer stimmigen Familienchronik (im Archiv Rheinbach) entnehmen wir eine Reihe von recht hochmögenden Herrschaften:

Immerhin war ein Goddert Krautwigh 1625 Bürgermeister und 1636 noch Ratsherr; seine erste Frau war lt. Chronik bei der Hexenverfolgung verbrannt worden, die Krautwigs stellten auch 1793 und 1794 mit wechselnder Schreibweise (Krautwig, Krutwig) den Bürgermeister. In der Chronik geht es ein wenig durcheinander: Nach dieser Quelle war der o.e. Gotfried K. der Mann seiner als Hexe verbrannten ersten Frau, habe dann aber 1648 die zweite Ehe mit Anna Kertzmanns geschlossen. Von den auf dem Grabstein eingehauenen Zeitangaben her kann das natürlich nicht stimmen, wobei noch das Datum 1646 auf dem Grabstein hinten, und die Jahresangabe 1645 auf dem vorderen Teil leicht differieren.

Der untere Teil des Grabsteins
CONDITA HOC Geborgen (unter) diesem
TUMULO VIRTUO Grabhügel (liegt) die tugendhaf-
SA HONESTI GOD te (Frau) des ehrenhaften Got-
FRIDI KRUDWICH fried Krudwich

Alle anderen Vermutungen sind Spekulation. Die Hexenprozesse in den Jahren 1625 – 1636 waren rechtlich eine Farce und nur ein willkommenes Hilfsmittel der in Rheinbach herrschenden Clique, dem jeweiligen Konkurrenten um den Ratsherren- oder Bürgermeisterposten möglichst heftig zu schaden und dessen Besitztümer sich selbst zueigen zu machen.

Doch zurück zu dem Grabstein. Wir erfahren, dass Beatrix Kertzmans eine tugendhafte Frau gewesen ist, nichts über ihr Alter, jedoch wohl über ihren genauen Todestag: 1.März 1645.

Interessant ist auch noch die Rückseite des Grabsteines, wo wir eine Lilie, umrahmt von einem geflochtenen Blumenkranz, den Zahlen 1/6/4/6 und den Initialen GK und UB und K ausmachen. Michael Krautwig glaubt, das sei das Familienwappen der Krudwichs und vom Stadtsiegel Rheinbachs entlehnt, was natürlich Unsinn ist. Denn zu der Zeit galt das Siegel des Erzbischofs. Es gab zwar wohl ein Schöffensiegel von 1343, aber ab 1344 wurde jede Amtshandlung auch mit dem Siegel des Erzbischofs versehen (Klaus Flink: Rheinbach unterm Krummstab 2005, S. 137). Vor der Flerzheimer Kirche übrigens ist das erzbischöfliche Hoheitszeichen sogar in Stein verewigt.

Vielleicht stammt die herrschaftliche Deutung der Lilie aus der Beobachtung, dass die Herren von Rheinbach 2 gekreuzte Lilienstäbe in ihrem Wappen führten; jedoch war dieses Geschlecht mit Lambert von Rheinbach 1276 längst erloschen.

Eine Deutung fügt Krautwig noch hinzu, wonach die Lilie im Wappen wohl ein „Scherzname“ für den eigenen Namen (Kraut…) sei. Wollen wir die Interpretation weiter nicht vertiefen!

Viel mehr Rätsel gibt die letzte Zeile auf der vorderen Seite auf:

Von der Buchstabenfolge CVISAIA REQ IP ist eigentlich nur der zweite Teil eindeutig. Requiescat in pace : da soll jemand in Frieden ruhen. Gut so! Aber schwieriger scheint mir der erste Teil. Einen direkten Sinn ergeben diese Buchstaben nicht. Also muss man wieder stenographische Kürzel – von denen es seit dem Altertum eine Menge gibt und Gott sei Dank in einem umfangreichen Lexikon Abbreviaturarum (A.Cappelli) gelistet sind, – vermuten und hoffen, fündig zu werden. Ecco!: AIA findet sich als ANIMA (Seele).

Beim ersten Wort CVI und dem nachfolgenden Buchstaben kann es sich um ein S oder eine arabische 9 handeln. Eine angenommene 9 als Verkürzung für Con oder Cum gibt gar keinen Sinn. Ich vermute, es ist ein S: das Ganze hieße dann cui(u)s und ergäbe einen Sinn [Bestätigt wird die Vermutung durch eine Tumba im Bonner Münster. (nördl. Querarm ). Hier enthält in einer in gotischen Minuskeln verfassten umlaufenden Inschrift für den Erzbischof Ruprecht von der Pfalz eine Stelle: „cui(us) a(n)i(m)a requiescat feliciter“ auffällige Gemeinsamkeit].

CVI S (9) AnImA REQuiescat In Pace
MÖGE IHRE SEELE IN FRIEDEN RUHEN!

Alle anderen auf dem Friedhof stehenden Grabsteine weisen aber durchweg in Deutsch geschriebene Erinnerungen auf; sie stammen durchweg um 1700 herum. Insofern bildet der Lateinisch beschriebene Grabstein für Beatrix Kertzmans eine seltene Ausnahme: Leider können wir den Grund nur mutmaßen: soll der Stein den hohen Bildungsstand des Gotfried K. zeigen oder war es nur eine hochstaplerische Auftragsarbeit für einen Lateinkundigen (Stadtschreiber, Priester)? Das hohe Amt des G. Krutwich deutet eher auf die erste Vermutung hin.

Ein Kreuz auf dem Friedhof in Flerzheim
Ein Kreuz auf dem Friedhof in Flerzheim


Ein sehr schön ausgeführtes Denkmal zur Ehrung der Toten in Flerzheim gibt uns eine Rechenaufgabe auf. Die Humanisten in der Renaissance fingen mit einer intelligenten Spielerei an, indem sie in einer Inschrift ein Datum eingeben konnten (Chronogramm). Erleichtert wurde diese Aufgabe durch die römischen Zahlen.

Die Zahlzeichen für I (1), V(5), X (10), L (50), C (100), M (1000) waren schon im klassischen Latein gebräuchlich, das Mittelalter fügte noch das Zeichen D (500) hinzu. Man hatte einfach den Buchstaben M mit etwas bauchigeren Beinen zu zwei gegenüber stehenden D´s geformt. In dem lateinischen Text kamen notwendigerweise diese o.e. Buchstaben auch durchaus mehrfach vor, aber das war gut so. Der Text musste nur so viele Zahlzeichen enthalten, wie man für die Jahreszahl brauchte.

SALVE CRVX SANCTA Sei gegrüßt, hl. Kreuz!
FELICITAS NOSTRA (du) unser Glück
BENEDIC ET SALVA Segne und errette
CVNCTOS HOCCE LOCO Alle an diesem heiligen Ort
SACRO QVIESCENTES Ruhenden! (1839)

 

Inschrift

Auch in Ramershoven stellt ein großes Kreuz den Hauptanziehungspunkt des kleinen Friedhofes neben der Pfarrkirche St. Basilides dar (siehe Titelbild). Hier wird aber nicht allgemein der Toten gedacht, sondern ist eher ein Weihestein für den Geliebten Erlöser. Was erfahren wir von diesem Stein? Im Stile altrömischer Inschriften wird im Dativ die Person der Ehrung, der Titel und der Stifter des Steines genannt. Das ist der Herr Pfarrer von Ramershoven persönlich: Johannes Werschoven. Das Jahr der Stiftung steht wieder verschlüsselt in dem Chronogramm, wobei aber sicherheitshalber auf dem Sockel diese Zahl auch für Lateinunkundige in Ziffern steht: 1834.

Die Schrift ist in ihrer Mischung aus Groß- und Kleinbuchstaben recht ungewöhnlich, sie wirkt seltsam ungelenk, leider enthält sie auch einen bemerkenswerten Fehler: Es kommt ein großes rundes U vor, das der Steinmetz aber eigentlich wie ein V hätte setzen müssen. Sonst fehlt nämlich in der Berechnung der Jahreszahl die notwendige Zahl 5, um auf 1834 zu kommen. Das W gilt hier als doppeltes V (cf. Im Englischen heißt dieser Buchstabe übrigens: doubleU und nicht V.)

PoneBATUR es wurde gesetzt
DILeCTO dem geliebten
SALVATORI Erlöser
A IOANNe von Johannes
WersCHoVen Werschoven
PASTORE Pastor
IN RAMersHO in Ramersho
Ven ven
1834 1834


Der Friedhof in Wormersdorf-Ipplendorf bot in Nähe der Friedhofsmauer den verstorbenen Pfarrern der Gemeinde in Wormersdorf die letzte Ruhestätte. Ein markantes Kreuz steht auf einem Steinsockel, in dem folgende Inschrift eingesetzt ist:

SANCTE DABAT Auf heilige Weise gab Pfarrer Kerzmann
CHRISTO Christus (dieses Kreuz?)
PAROCHVS KERZMANN  

Und mit einer Zeile Abstand

AC SOLATIO FAMILIAE Und zum/als Trost (Zuflucht) für die der
AETERNITATI DICATAE Ewigkeit bestimmten Familie.


Interessant bei dieser Grabinschrift ist nicht nur der Inhalt:

Nach den Ergebnissen des Wormersdorfer Heimatforschers Hans Gerd Paffenholz war Matthias Kerzmann Pfarrer von 1760 - 1805 in Wormersdorf. Er wurde in der Gruft vor dem Kreuz beerdigt, soll dieses Kreuz aber gestiftet haben. Im zweiten Teil der Grabinschrift wird deutlich, dass auch die Familie Ker(t)zmann mit eingeschlossen ist. Merkwürdig ist, dass in beiden Inschriften ein Chronogramm lesbar ist, welches die gleiche Jahresangabe enthält, 1806. Warum? Hat die Familie Kerzmann etwa erst nachträglich ihren Eintrag vornehmen lassen und dafür gesorgt, dass auch in ihrem Satz das Chronogramm stimmt?

Grabmal Dr. Stein


Grabsteine in neuerer Zeit können aber auch Rätsel aufgeben, zwei habe ich gefunden, bei dem der eine Stein im neueren Teil des St. Martin Friedhofes die Glaubensstärke des Verstorbenen belegen sollte. Seine letzten Worte sollen so gelautet haben, bevor er sein Leben Gott in die Hand gab. Leider ist dem Grabsteinsetzer ein kleiner Fehler unterlaufen: Der Spruch ist natürlich der Weihnachtsbotschaft der Engel im Lukasevangelium entnommen: „Ehre sei Gott in den Himmelshöhen“ Nur bei „EXELSIS“ fehlt das orthographisch richtige „C“! Nicht schlimm, könnte man denken, man versteht es auch so; doch ich kann mir sehr gut vorstellen, wie sich mein ehemaliger Kollege Dr. F .J. Stein darüber noch im Himmel grämt: War er doch Latein- und Griechischlehrer gewesen!

Ein ganz großes Rätsel aber gibt die Grabinschrift des ehemaligen langjährigen Pastors der Kirchengemeinde in Wormersdorf auf. Herr Sebastian Wirtz, bekannt als heftiger Gegner der Kirchenreform des 2. Vatikanums hatte sehr spezielle Vorstellungen über sein Grab; er hatte auch Vorsorge getroffen, dass seine Anweisungen diesbezüglich genau befolgt wurden.

Wenn es sich um ein direktes Zitat aus der Kirchenliteratur handelt, das Seb. Wirtz in den Jahren vor seinem Tod – also etwa von 1990 - 1996 – zusammen mit den Mönchen in Maria Laach gefunden oder erfunden hat, dann ist es bis zum heutigen Tag nicht nachgewiesen.

Mein Kollege und langjähriger Wormersdorfer Bürger, Dr. Rainer Knab, hatte unabhängig von mir schon in 2007 nach der Herkunft des Grabspruches geforscht, weil er von interessierten Mitbürgern auf den Spruch hingewiesen worden war. Er bringt eine interessante Einzelheit in den Zusammenhang. Pastor Wirtz hatte in der Kritik an dem damals neuen ökumenischen Gebet- und Liederbuch „Gotteslob“ u.a. in einer seiner Predigten kritisch angemerkt, dass ein so wunderschönes Lied: „Deinem Heiland, Deinem Lehrer“ nicht mehr in dem Liedteil aufgeführt war. Dr. Knab erinnert sich, dass Pastor Wirtz noch den alten Ursprung dieses Liedes aus dem Hymnus: „Lauda Sion Salvatorem“ von Thomas von Aquin zitierte und in diesem Hymnus tatsächlich von der hostia caeli dem „heilbringenden Lamm, das die Himmelspforten öffnet“, die Rede ist.

Seine Lieblingsvorstellung von Jesus als dem guten Hirten findet auch anderer Stelle des Friedhofes seine Verwirklichung. Von seinem eigenen Gelde hatte er in Maria Laach diese Skulptur in Auftrag gegeben und aufstellen lassen (die Rechnung und Quittung hierüber hatte sein Neffe noch im Nachlass gefunden und mir darüber berichtet.)

Grabmal Dr. Stein

Wenn nun leider immer noch nicht geklärt werden kann, woher der Spruch nun tatsächlich stammt, lassen wohl die Skulptur und der Grabspruch zusammen aber nun eine höchstwahrscheinliche Deutung zu:

Unstrittiger Text ist: Das Himmelsopferlamm („hostia caeli“) geht verloren/zugrunde („perditur“). Der durch das Prädikat kunstvoll gesperrte Ausdruck „magnae ….rationis“ ist als Genetiv (großer Vernunft, großen Verstandes, es ist Zeichen von …. ) nicht in den Kontext integrierbar.

Eine Lösungsmöglichkeit: wenn man dem Wort „rationis“ den letzten Buchstaben nimmt (als wohl möglichen Lese- oder Übertragungsfehler), dann macht der so entstandene Dativ zusammen mit „magnae“ einen Sinn:

MAGNAE PERDITUR RATIONI (S)
HOSTIA CAELI

„Großem Verstand geht das Himmelsopferlamm verloren“

oder

„Großem Verstand geht das Opfer für den Himmel verloren.“

Grabmal Sebastian Wirtz