von Dieter Deindörfer

Der Vortrag wurde im Rahmen der Jahreshauptversammlung am 22. März 2012 gehalten.

 

Schon seit jeher verstand sich die katholische Kirche nicht nur als Hüterin christlichen Glaubens sondern wirkte richtungweisend in alle Bereiche staatlichen und bürgerlichen Lebens hinein. Klöster entwickelten sich zu Keimzellen des Bildungswesens und der Armenfürsorge, kirchliche Würdenträger nahmen weltliche Macht als Landesfürsten in Anspruch, christliche Ethik bestimmte die Ausgestaltung des Alltagslebens.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts änderte sich diese Situation grundlegend; der protestantisch geprägte preußische Staat fühlte sich den tradierten Positionen der katholischen Kirche nicht verpflichtet, die in der Folge der Revolution von 1848 zunehmende Emanzi­pation der bürgerlichen Gesellschaft, die wachsende Ent­konfessionalisierung des öffentlichen Lebens und der mehr und mehr politisch organisierte Liberalismus standen im Gegensatz zum traditionellen Selbstverständnis der katholischen Kirche; eine Entwicklung, der die Kirche versuchte, einen gesteigerten Anspruch ihrer Autorität bis hin zur Forderung einer Unter­ordnung der wissenschaftlichen Forschung unter das Dogma der Kirche entgegenzusetzen. Der 1864 von Papst Pius IX. herausgegeben "Syllabus Errorum", eine explizite Auflistung von "Irrtümern", d.h. Abweichungen von der katholischen Lehre in Politik, Kultur und Wissenschaft ebenso wie das 1870 vom 1. Vatikanischen Konzil proklamierte Unfehlbarkeits-Dogma des Papstes in Glaubensfragen waren Demonstrationen des Machtanspruchs der katholischen Kirche.

Bismarck sah darin Angriff auf den im Entstehen begriffenen deutschen Nationalstaat; Preußen reagierte darauf mit einer Reihe von Eingriffen in die Zuständigkeiten der Kirche für das Bildungswesen und von erheblichen Einschränkungen anderer kirchlicher Befugnisse. Einige Jahre später, im Januar 1873, wählte der Arzt Rudolf Virchow, der als Abgeordneter der Deutschen Fortschrittspartei Reichstagsabgeordneter war, das Schlagwort vom "Kulturkampf", um die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche zu kennzeichnen. Die katholische Bevölkerung sah sich durch diese Entwicklung bedroht und suchte nach Wegen, dieser Not zu begegnen.

In seinen Erinnerungen berichtet der Ramershovener Pfarrer Michael Josef Zinken, der dort von 1853 bis zu seinem Tode 1879 Pfarrer war, dass er Ende der 1860er Jahre im Pfarrhaus von Ramershoven eine Reihe von namhaften Rheinbacher Männern eingeladen hatte, um über die Gründung eines katholischen Bürgervereins in Rheinbach zu sprechen; als Teilnehmer werden Michael und Hermann Müller, Constantin Simons, der Kreistierarzt Peter Josef Münster, und die Rheinbacher Geistlichen Pfarrer Peter Josef Willms und Vikar Friedrich Wilhelm Bernickel genannt.
(Rheinische Geschichtsblätter Band 8 No.9)

In der Folge dieser und weiterer ähnlicher Zusammenkünfte wurden im Jahre 1868 in Rheinbach mehrere "Katholikenversammlungen" abgehalten, bei denen die Sorge um den Erhalt des konfessionellen Charakters der Volksschulen thematisiert wurde; aber auch die durch die Truppen Garibaldis gefährdete Existenz des Vatikanstaates diskutiert wurde (wobei man natürlich Parallelen zur Situation der Katholiken im preußischen Staat ziehen konnte).

Am 10. Februar 1869 wird schließlich der Katholische Bürgerverein in Rheinbach gegründet. Zweck des Vereins sollten "die Förderung des katholischen Geistes und katholischer Interessen durch enges Aneinander­schließen der katholischen Bürger, regelmäßige Unterhaltung, Besprechung und Vorträge sowie zeitgemäße Lektüre" sein; er sollte ein bis zweimal im Monat "in den Räumlichkeiten des Gastwirts Heinrich Kauth" (Vor dem Dreeser Tor, heute Sonnen­apotheke) tagen. Als erster Vorsitzender wurde der Kreistierarzt Münster gewählt, zu seinem Stellvertreter wurde der Ratsschöffe Michael Müller und zum Schriftführer der Vikar Bernickel bestimmt. An der Gründungsversammlung nahmen 24 Bürger aus Rheinbach und Umgebung teil, weitere Aufnahmen in den Verein erfolgten durch "Ballotage", d.h. durch Abstimmung unter den Vereinsmitgliedern, wobei 2/3 der abgegebenen Stimmen erforderlich waren.

Angekündigt wurden die Versammlungen jeweils durch eine Anzeige im Rheinbacher Kreisblatt, die dort übrigens unentgeltlich abgedruckt wurde; über den Verlauf der Versammlung wurde vom Schriftführer ein ausführlicher Bericht im Protokollbuch des Vereins eingetragen.

In den sechs Jahren von 1868 bis 1874, über die das Protokollbuch berichtet, fanden 85 Versammlungen statt, bei denen von kompetenten Mitgliedern des Vereins anspruchsvolle Themen vorgetragen und z.T. recht intensiv diskutiert wurden.

Eine Auswahl:

  • "Die Stellung der Katholischen Kirche zu Wissenschaft und Kunst". Vikar Engelbert Valder aus Morenhoven unterstrich darin natürlich besonders die notwendige Unterordnung der Vernunft, der Wissenschaft unter den Glauben
  • "Das alte und neue deutsche Reich (vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zum Kaiserreich von 1871)". Der Referent Dr. Schorn konnte die Erwartungen der Zuhörer nur zum Teil befriedigen, die eine klare Positionierung in den Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaiser erwarteten.
  • "Die Tollwut" mit Referaten von Kreistierarzt Münster, dem Arzt Dr. Bachem und Vikar Bernickel, wobei letzterer recht anschaulich die "religiösen Mittel" zur Bekämpfung der Tollwut darstellte, für die sich auch in der hiesigen Gegend Beispiele finden:
    In der Diskussion wird erwähnt, dass in Rheinbach, Neukirchen, Ipplendorf, Odendorf, Niederdrees und Miel " … sich angeblich Hubertusschlüssel befinden, daß aber dennoch das Brennen der Hunde selbst nach den jüngsten Ereignissen nicht üblich sei, weil man an der Echtheit der Schlüssel zweifle; nur der in Miel werde mit Bestimmtheit für echt gehalten und sei auch dort und in Nachbarorten angewandt worden; der in Niederdrees sei durch unkluges Glühend­machen sehr abgebrannt."
    Diese "Hubertusschlüssel" geht auf eine Überlieferung zurück, wonach der Heilige Petrus dem Hubertus von Lüttich (644 – 727)nach dessen Weihe zum Bischof einen goldenen Schlüssel überreicht haben soll; zur Erinnerung daran fertigte man "Hubertus-Schlüssel" an, um damit Tiere zu brennen, damit sie auf Fürbitte des Heiligen Hubertus von der Tollwut verschont blieben.
  • "Die Geschichte der wunderbaren Ereignisse von Lourdes"
    Die Erscheinungen, die ein junges Mädchen mit Namen Bernadette Soubirous dort hatte, waren damals gerade erst 15 Jahre her und der Ort war in seiner Entwicklung noch weit entfernt von dem heutigen Pilgerzentrum. Der Vortrag von Vikar Bernickel hielt sich in der Bewertung der Vorgänge auffallend zurück, noch war nicht endgültig klar, ob es sich hier um ein Wunder im Sinne der Kirche handelte; die Heiligsprechung der Bernadette Soubirous erfolgte erst 1933.

Aber auch aktuelle, politisch brisante Themen fanden eine interessierte Zuhörerschaft:

  • Die Bewahrung des konfessionellen Charakters der Schulen, insbesondere der Volks­schulen, der durch ein neues Gesetz über das Unterrichtswesen gefährdet schien, war immer wieder Gegenstand der Diskussion und Aktion. Worum ging es dabei?
    Ein Gesetz zur Regelung des Unterrichtswesens war bereits in der Verfassungsurkunde von 1842 in Aussicht gestellt worden, kam aber bisher nicht zustande. Man wollte sich daher zunächst auf die Regelung der "äußeren Verhältnisse der Lehrer" konzentrieren, also der Einkommensverhältnisse der Lehrer an den öffentlichen Volksschulen und der Verpflichtung zur Unterhaltung der Schulen und Lehrer, die bisher im Wesentlichen von den Gemeinden zu tragen waren. Die liberale Partei war jedoch nicht bereit, im Abgeordnetenhaus zuzustimmen und forderte stattdessen, ein Gesetz über das ganze Unterrichtswesen vorzulegen. Damit hätte jedoch die höchst kontrovers diskutierte Frage der Stellung der Kirche zur Schule dazu geführt, dass das Schulgesetz auch weiterhin nicht verwirklicht werden konnte. (Amtspresse Preußens No. 1 Provinzial-Correspondenz. 7. Jahrgang, 06.01.1869)

Da der bisherige Entwurf des Schulgesetzes also wohl nicht angenommen werden würde, befürchtete man, dass bei einer Überarbeitung – quasi als Entgegenkommen gegenüber den Liberalen - auch die konfessionelle Ausrichtung der Volksschulen aufgegeben werden könnte.

Der Vorstand richtete dazu eine Petition an das Abgeordnetenhaus.

  • Das Verbot des Jesuitenordens
    Die ausführliche Darstellung der Vorgänge um die Aufhebung des Jesuitenordens in Portugal und Frankreich durch Papst Clemens XIV. im Jahre 1773 in einer Vortragsreihe von Pfarrer Zinken wirft, so das Rheinbacher Kreisblatt in einer Notiz vom 2. April 1870, "… ein ganz eigenthümliches Licht auf unsere neuesten Klosterstürme, deren Wiederholung nur zu sehr zu befürchten ist …".

Mit dem Jesuitengesetz vom 4. Juli 1872 wurde der Jesuitenorden im Deutschen Kaiserreich verboten, weil die Jesuiten "… durch ihre faktische Machtfülle die Staatsordnung untergraben, indem sie die Katholiken ... mit Abneigung und Misstrauen gegen ihre andersgläubigen Fürsten und Staatsmänner erfülle …" (Amtspresse Preußens No. 21)

  • Die missliche Situation des Vatikanstaates
    Der Kirchenstaat umfasste in den 1860er Jahren nur noch die Region Latium mit der Stadt Rom und stand unter dem Schutz französischer Truppen; Garibaldi versuchte 1867, auch Rom einzunehmen, scheiterte aber am Widerstand der französischen Truppen. Als diese 1870 zu Beginn des Krieges gegen die Preußen abzogen, marschierten italienische Truppen im Kirchenstaat ein und proklamierten wenig später Rom zur Hauptstadt Italiens. Erst mit den Lateranverträgen von 1929 wurde der Vatikanstaat als weltlicher Sitz des Papstes anerkannt.
    Der Vorstand verfasste dazu eine "Adresse an Se. Majestät unsern König in der Angelegenheit des h. Vaters".

Einen besonderen Höhepunkt im Jahresablauf bildeten die Festlichkeiten zur Feier des Pontifikats von Papst Pius IX., die mit Feierlichem Hochamt, Festgeläute, Böllersalven und einer Festversammlung im Saale Horst gegenüber der Kirche und abendlicher Illuminierung der Häuser und Feuerwerk begangen wurden.

Deutlich bezog der Verein auch Position, als es darum ging, in den Zuspitzungen des Kulturkampfes die Stellung der kirchlichen Würdenträger zu stärken. Im Frühjahr 1873 richtet er eine Ergebenheits­adresse an den Kölner Erzbischof:

"…In den gegenwärtig uns aufgedrängten schweren Kämpfen haben Euer Erzbischöfl. Gnaden …… uns christlichen Muth und reichen Trost eingeflößt … Wir bekennen, daß außer der Kirche kein Heil; die Kirche aber nur da ist, wo der Papst und die mit ihm vereinigten Bischöfe sind …"

Zur "Förderung … zeitgemäßer Lektüre", die als Vereinszweck verlangt wurde, schaffte der Verein eine Reihe von Zeitschriften und Büchern an, die an die Vereinsmitglieder ausgeliehen werden konnten bzw. zur Lektüre im Vereinslokal ausgelegt wurden, wie z.B.

  • "Alte und Neue Welt", eine "illustrirte Katholische Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung. Herausgegeben unter Mitwirkung hervorragender Schriftsteller geistlichen und weltlichen Standes aus Amerika, Deutschland und der Schweiz".
  • Die Rheinischen Volksblätter, die von Adolph Kolping herausgegeben wurden.
  • Das Bonifaciusblatt, eine Zeitschrift des Bonifatiuswerks, das sich der Unterstützung der Diaspora-Gemeinden widmet.
  • Das von Florian Riess und Karl von Weber herausgegebene Buch "Das Concil" über die Themenstellungen und Facetten, mit denen sich das 1. Vatikanische Konzil (1868 - 1870) befasste.
  • Romane von Conrad von Bolanden
    Ein katholischer Pfarrer aus der Pfalz verbarg sich hinter diesem Pseudonym. Bolanden (1828 – 1920) schrieb über 60 historische Romane und Erzählungen, in denen er die katholischen Positionen pointiert in den Vordergrund stellte; seine Bücher wurden im Preußischen Staat zeitweise verboten.

Auch die "stenographischen Berichte" aus dem Reichstag fanden den Weg nach Rheinbach und flossen in die Diskussionen ein.

Derartiger Bildungsdrang hatte aber unerwartete Folgen, wie der Protokoll-Vermerk vom 20.07.1873 ausweist:

"Am 08.07.1873 erschien Bürgermeister Ignaz Josef Ness in der Wohnung des Schriftführers und erklärte, daß er den Auftrag habe, die öffentlichen Bibliotheken und unter diesen auch die des Bürgervereins zu revidiren zum Zwecke der Beschlagnahme einer Reihe von Schriften … "

Beschlagnahmt wurden unter anderem Romane von Conrad von Bolanden; da aber nur drei der gesuchten Schriften vorhanden waren, musste sich der Schriftführer in einem Verhör rechtfertigen. Er verwalte zwar die Bibliothek, bezüglich der Ausleihe weise er aber jegliche Verantwortung von sich, denn "… gemäß den bisherigen Erfahrungen sei an eine Rücklieferung kaum zu denken …"

Der Kulturkampf war in Rheinbach angekommen. In dieses Bild passt auch die folgende Protokollnotiz vom 24.08.1873:

"Die auf den 24. August bereits annoncierte Versammlung musste wegen inzwischen eingetretener Hindernisse ausfallen. Fortgesetzte störende Umstände machten die Abhaltung der Versammlungen unmöglich bis zum 26. Oktober."

Und als es am 26. Oktober 1873 wieder weiter gehen sollte, erschien der Polizeidiener und löste die Versammlung auf, weil sie nicht, wie es das preußische Vereinsrecht verlangte, rechtzeitig angemeldet worden war. Insgesamt war das Klima für den Verein deutlich rauer geworden. Pfarrer Zinken erinnert sich:

"…Jetzt ist der Verein sehr zusammengeschmolzen. Wenige beteiligen sich noch an den Versammlungen. Der eine, weil die Beamten den Verein nicht gerne sehen, und das sind die meisten, die anderen weil sie leicht könnten in ihrem Kram Schaden leiden, einige Kunden verlieren……"

Der Vereins-Vorsitzende Kreistierarzt Münster und der stv. Schriftführer, der Steuereinnehmer Albert Hamel "… wurden mündlich vor den Landrat [Wolff] geladen, sich zu verantworten wegen ihrer Abstimmung bei den Wahlen, wegen ihrer Beteiligung am Verein …"

Damit war das Ende des Katholischen Bürgervereins zu Rheinbach eingeläutet, mit dem Bericht über eine Versammlung am 17. März 1874 brechen die Aufzeichnungen im Protokollbuch ab.

Wer waren die Männer, die den Verein trugen?

Insgesamt sind 131 Mitglieder im Protokollbuch verzeichnet, die tatsächliche Mitgliederstärke war aber wesentlich geringer, da etwa ein Viertel den Verein wieder verlassen hat, ihre Unterschrift im Protokollbuch war durchgestrichen worden, bei vier Mitgliedern ist ein Sterbedatum festgehalten.

Anfang März 1873 waren 106 Mitglieder mit ihrer Unterschrift verzeichnet, tatsächlich aber betrug die Zahl der Mitglieder zu diesem Zeitpunkt nur 70.

Die größte "Berufsgruppe" bildeten wohl die Geistlichen; 21 verzeichnet das Protokollbuch, die Beteiligung des "gehobenen Bürgertums" lässt sich an einzelnen Personen, dem Kreistier­arzt Münster, dem Arzt Dr. Bachem, dem Steuereinnehmer Hamel, dem Dr. phil Jacob Schorn oder dem Notar E. Pfahl, um nur einige zu nennen, sicher festmachen, das Gleiche gilt auch für Handel- und Gewerbetreibende.

Konkrete Hinweise auf die Beteiligung von Handwerkern und Bauern fehlen; ihnen dürften andere Vereinigungen wie der Kath. Handwerker­verein (in Rheinbach seit August 1868) oder der Kolpingsverein näher gestanden haben.

Frauen sind ebenfalls nicht in den Mitgliederlisten verzeichnet. Das preußische Vereinsrecht von 1870 sagt dazu: "Frauensperonen, Schüler und Lehrlinge dürfen den Versammlungen … politischer Vereine nicht beiwohnen …", zwar war der Bürgerverein nach seinen Statuten kein politischer Verein, aber ein solches Verbot wirkte natürlich über seine Grenzen hinaus.

Ganz besonders geprägt hat Friedrich Wilhelm Bernickel den Verein. Der 1838 in Köln geborene Vikar kam 1865 nach Rheinbach, wo er zusätzlich zu seiner Vikarstätigkeit an der höheren Schule als Lehrer arbeitete, dem Katholischen Handwerkerverein als Präses vorstand und, quasi nebenbei, ab und an Artikel für das Rheinbacher Kreisblatt verfasste. Dabei erwarb er sich nicht nur Freunde, seine überzeugt katholische Grundeinstellung passte nicht so recht in die Zeit und so musste er nach acht Jahren die Lehrtätigkeit aufgeben und die religiöse Unterweisung in der Kirche wurde ihm untersagt – weil sonst der Bürgermeister Ness dem Pastor die Schulinspektion entzogen hätte (Zinken, Erinnerungen). Vikar Bernickel starb im Juni 1879 in Rheinbach.

Der katholische Bürgerverein war ein fleißiger Verein.

Nach den Statuten waren zwei Versammlungen pro Monat vorgesehen. Tatsächlich kamen in der Gesamtzeit etwa 1,3 Versammlungen pro Monat zustande.

In den Versammlungen wurden die von Vereinsmitgliedern Themen vorgetragenen intensiv diskutiert. Großen Wert legte man auch auf die möglichst genaue Information der Mitglieder über das, was im fernen Berlin geschah. Nicht nur, dass einzelne Vorgänge ausführlich diskutiert wurden, wie z.B. das Verhalten des Abgeordneten Freiherr von Proff-Irnich bei einer Abstimmung über konfessionslose Schulen; man ging dem Sachverhalt auch im Detail nach und musste in diesem Falle dann feststellen, das das Verhalten des Abgeordneten eigentlich nicht gerügt werden konnte.

Öfter werden auch die "stenographischen Berichte", also die Wortprotokolle aus dem Reichstag zitiert oder zur Einsichtnahme für die Mitglieder im Vereinslokal ausgelegt. Wer macht sich heute die Mühe, solche Mitschriften aus dem Bundestag (die im Internet leicht zu bekommen wären) zur eigenen Meinungsbildung durch­zuarbeiten?

Der Katholische Bürgerverein war ein mutiger Verein.

Die Themen, die in den Vereins-Versammlungen aufgegriffen wurden, standen häufig in einem direkten Bezug zu den aktuellen Vorgängen im Konflikt zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche. Die ausführlichen Darstellungen der Auseinandersetzung zwischen Papst Gregor VII. und Heinrich IV. oder des Verbots des Jesuitenordens durch Clemens XIV. im Jahre 1773 sind dafür bezeichnend.

Der Verein geht auch an die Öffentlichkeit, wenn die Belange der Katholiken besonders betroffen sind. "Allgemeine Katholiken­ver­sammlungen", zu denen alle Bürger eingeladen sind, finden regelmäßig starken Zuspruch.

Ehrentage des Papstes Pius IX., der für den preußischen Staat im Kulturkampf wohl die Hauptperson des "gegnerischen Lagers" war, wurden mit großem Aufwand in der Öffentlichkeit gefeiert (Festakt zum 25-jährigen Pontifikat und Feierlichkeiten zur jährliche Wiederkehr des Tages der Krönung).

Durch die "Beziehungen" des Schriftführers, Vikar Bernickel, erschienen immer wieder Artikel im Rheinbacher Kreisblatt, die pointiert katholische Positionen vertraten. Das führte dazu, dass im Sommer 1874 dieser Zeitung die Bezeichnung "Kreisblatt", die ja eine amtliche Funktion kennzeichnete, entzogen wurde.

Es darf nicht wundern, dass "die Obrigkeit", der Landrat Wolff und der Bürgermeister Ness, das Wirken des Vereins mit Misstrauen beobachteten; die Kontrolle einer Vereins­versammlung durch die Polizei, ja sogar der Abbruch einer "nicht ordnungsgemäß angemeldeten" Versammlung, Beschlagnahme von Schriften aus der Vereinsbibliothek und Verwarnung einzelner im Staatsdienst stehender Mitglieder waren Vorkommnisse, die natürlich auch Rückwirkungen auf die weitere Tätigkeit des Vereins hatten und die wohl letztlich im Mai 1874 zum vorläufigen Ende der Aktivitäten der Katholischen Bürgervereins in Rheinbach führten.

Damit erging es den Rheinbachern genau so, wie vielen anderen katholischen Vereinigungen in dieser Zeit. Sie hatten sich unter dem Dach des Mainzer Katholikenvereins zusammengefunden und gerieten damit wie dieser unter die verschärfte Beobachtung der Obrigkeit. Die meisten von ihnen wurden im Sommer 1874 von Amts wegen geschlossen (Föhles, Kulturkampf, 1995).