von Heinz Wilhelm Büttgenbach

Der Vortrag wurde im Rahmen der Jahreshauptversammlung am 26. März 2009 gehalten.

 

Es ist "Wahljahr" – zu drei Terminen werden wir in diesem Jahr auf­gefordert, unsere Stimme abzugeben für Europa, für die Stadt, den Kreis und für den Bund. Das mag manchem etwas viel sein; ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Wahlen auch früher schon dem Bürger einiges abverlangten, weniger in der Vielfalt freilich – breite bürgerliche Mitbestimmung ist ein Kennzeichen unserer heutigen Zeit, dafür aber umso mehr in der Komplexität ihrer Regeln. Heinz Wilhelm Büttgenbach hat untersucht, wie das Dreiklassenwahlrecht vor etwa 100 Jahren in Rheinbach praktiziert wurde.

Der Gemeinderat von Rheinbach beschloss am 11.08.1860, die Verleihung der Städteordnung zu beantragen, um den Status "Stadt" wiederzuerlangen. Der König von Preußen, Wilhelm der I., entsprach dem Antrag am 17.05.1862. Deshalb waren die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung ab 1862 bis 1918 in der Stadt Rheinbach gemäß der Städte-Ordnung für die Rheinprovinz vom 15.05.1856 nach folgendem Dreiklassenwahlrecht durch­zuführen.

Veröffentlichung der Städte-Ordnung in der Gesetzes- Sammlung von 1856
Veröffentlichung der Städte-Ordnung in der Gesetzes- Sammlung von 1856

Aktiv und passiv wahl­berechtigt war jeder Einwohner von Rheinbach, dem das Bürgerrecht der Stadt Rheinbach verliehen worden war. Über das Bürgerrecht wurde laut Rats­beschluss von 1862 kein Bürgerbrief erteilt. Das Bürgerrecht besaß jeder selbständige Preuße (d. h. jeder, der das 24. Lebensjahr vollendet und einen eigenen Hausstand hatte), der seit einem Jahr in Rheinbach wohnte, keine Armenunterstützung aus öffentlichen Mitteln empfing, seine Gemeindeabgaben bezahlt hatte und außerdem entweder ein Wohnhaus besaß oder in klassen­steuerpflichtigen Städten ‑ wie Rheinbach ‑ von seinem in der Stadt gelegenen Grundbesitz einen Hauptsteuerbetrag von mindestens 2 Thalern oder einen Klassensteuerbetrag von mindestens 4 Thalern jährlich bezahlte.

Die stimmfähigen Bürger (Wähler) wurden in 3 Klassen (Abteilungen) eingeteilt. Jede Klasse entsprach einem Drittel des Einkommens bzw. der Steuern der stimmfähigen Bürger. Die 1. Klasse umfasste die Höchtsbesteuerten, die 2. Klasse die mit weniger hohem Einkommen und der 3. Klasse gehörten diejenigen an, die weniger Steuern zu zahlen hatten; ab dem 01.01.1901 durften auch diejenigen, welche vom Staat zu keiner Steuer veranlagt wurden, in der dritten Abteilung wählen.

Wer stimmberechtigter Bürger war, ergab sich aus der Wählerliste, die der Bürgermeister führte und alljährlich im Juli berichtigte.

Auszug aus der Wählerliste von 1906, veröffentlicht im Rheinbacher Kreisblatt vom 10.11.1906
Auszug aus der Wählerliste von 1906, veröffentlicht im Rheinbacher Kreisblatt vom 10.11.1906

Die Liste war in drei Wahlabteilungen (Klassen) eingeteilt. Sie wurde vom 15. bis 30. Juli in der Stadt zu Einsichtnahme offen gelegt. Jeder Einwohner Rheinbachs konnte Einwendungen erheben, über die die Stadtverordnetenversammlung bis 15. August zu beschließen hatte. 14 Tage vor der Wahl wurden die in der Liste verzeichneten Bürger vom Bürgermeister in ortsüblicher Weise (in Rheinbach durch Bekanntmachung im Aushängekasten des Bürgermeisteramtes und manchmal zusätzlich durch Veröffentlichung im Rheinbacher Kreisblatt) zur Wahl eingeladen. Die Einladung musste das Wahllokal, den Tag und die Stunden, in welchen die Stimmen beim Wahlvorstand abzugeben waren, genau bestimmen.

Gewählt wurde öffentlich und mündlich, also nicht wie heute geheim. Jeder Wähler musste dem Wahlvorstand (Bürgermeister und 2 Stadt­verordnete) mündlich und vernehmlich zu Protokoll erklären, wem er seine Stimme geben wollte. Dabei hatte er so viele Personen zu bezeichnen, wie für seine Klasse zur Wahl standen. Gewählt war der, der die meisten Stimmen und zugleich die absolute Stimmenmehrheit erreicht hatte. Das Wahlprotokoll war vom Wahlvorstand zu unterzeichnen und vom Bürgermeister aufzubewahren. Das Wahlergebnis hatte der Bürgermeister sofort bekannt zu machen.

Jede Klasse wählte ein Drittel der Stadtverordneten ohne dabei an die Angehörigen der eigenen Klasse gebunden zu sein. Die Hälfte der von jeder Klasse zu wählenden Stadtverordnenten musste Hausbesitzer sein. Alle Wahlen wurden grundsätzlich von derselben Klasse vorgenommen, von der der Ausgeschiedene gewählt worden war. Falls aber die Zahl der zu wählenden Stadtverordneten nicht durch 3 teilbar war, dann war, falls einer übrig blieb, dieser von der 2. Klasse und falls zwei übrig blieben, der Erste von der 1. Klasse und der Zweite von der 3. Klasse zu wählen. Nicht zu Stadtverordneten gewählt werden durften:

  • Beamte der Gemeindeaufsicht
  • Gemeindebeamte (Ausnahme: Beigeordnete)
  • Geistliche, Kirchendiener, Elementarlehrer
  • Richter (Ausnahme: Mitglieder der Handels- und Gewerbegerichte sowie die Ergänzungs-Friedensrichter)
  • Beamte der Staatsanwaltschaft
  • Polizeibeamte

Vater und Sohn, sowie Brüder durften nicht gleichzeitig Mitglied der Stadt­ver­ordnetenversammlung sein. Falls aber so gewählt worden war, wurde nur der Ältere zugelassen.

Die Stadtverordneten wurden auf 6 Jahre gewählt, es sei denn, es handelte sich um eine Ersatzwahl, deren Ergebnis nur für die Restzeit des Ausgeschiedenen galt. Alle 2 Jahre schied ein Drittel der Stadt­verordnenten aus und musste neu gewählt werden; Wiederwahl war zulässig. Die Ergänzungswahlen fanden jeweils im November statt. Die neu gewählten Stadtverordneten begannen ihre Tätigkeit ab Januar des nachfolgenden Jahres, also ca. zwei Monate später. Diese Zeitspanne zwischen Wahl und Konstituierung wäre selbst heute, nach der Entscheidung des Verfassungs­gerichtshofs für das Land Nordrhein- Westfalen vom 18.02.2009, rechtmäßig gewesen, weil sie geringer als drei Monate war. Die Ausscheidenden blieben bis zur Einführung der neu Gewählten im Amt. Die Gewählten wurden vom Bürgermeister in der ersten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung im folgenden Jahr eingeführt und durch Handschlag vereidigt.

Wie sich das Dreiklassenwahlrecht in Rheinbach ausgewirkt hat, will ich am Beispiel der Wahlen vom 22.11.1906 und 24.11.1908 darstellen, weil nur für diese Wahlen die Wählerlisten im Stadtarchiv Rheinbach in Berichten des Rheinbacher Kreisblattes existieren.

Die Kommunalwahl von 1906

Im Rheinbacher Kreisblatt vom 10.11.1906 wurde die Wählerliste veröffentlicht. Sie enthält 318 Namen. In der 1. Klasse sind 15 Personen, in der 2. Klasse 51 und in der 3. Klasse 252 genannt. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass es bei der Wahl eine große Erleichterung bedeute, wenn jeder Wähler sich die Nummer merken würde, die seinem Namen in der Liste vorgesetzt sei.

Unter dem Datum vom 11.10.1906 gab Bürgermeister Commeßmann folgendes, das später auch im Rheinbacher Kreisblatt, nämlich am 17.11.1906, veröffentlicht worden ist, bekannt:

  1. Mit Ende des Jahres scheiden wegen Ablauf ihrer Wahlzeit aus der hiesigen Stadtverordnetenversammlung aus:

    1. in der 3. Wählerklasse der Rentner Hubert Schorn und der Landwirt Wilhelm Heinrich Büttgenbach,
    2. in der 2. Wählerklasse Herr Töpfereibesitzer Peter Paul Stahl und
    3. in der 1. Wählerklasse Herr Apotheker Carl Anton Schmitz; ferner ist durch Tod der von der 1. Wählerklasse gewählte Weinguts­besitzer Hermann Simons ausgeschieden, dessen Wahl bis Ende 1908 gereicht hätte.
  2. Zur Vornahme der nötigen auf 6 Jahre zu erfolgenden Ergänzungs­wahlen und der auf 2 Jahre zu erfolgenden Ersatzwahl werden die wahlberechtigten Bürger hierdurch auf Donnerstag, den 22 November 1906 zu den nachbezeichneten Zeitabschnitten in die 1. Klasse der Knabenschule eingeladen. Die Wahlen finden vor dem Wahlvorstand, bestehend aus dem unterzeichneten Bürgermeister oder einem von ihm zu ernennenden Stellvertreter als Vorsitzenden, und den von der Stadtverordnetenversammlung gewählten Beisitzern, nämlich die Stadtverordneten Rentner Jakob Schorn und Landwirt Michael Krautwig oder die gewählten Stellvertreter derselben, die Herren Stadtverordneten Professor Dr. Josef Schmitz und Kaufmann Ludwig Pfahl an den genannten Tagen statt und zwar:

    • die 3. Klasse in der Ergänzungswahl von 10 bis 11 1/2 Uhr vormittags 2 Stadtverordnete für die ausscheidenden Herren Rentner Hubert Schorn und Landwirt Wilhelm Heinrich Büttgenbach,
    • die 2. Klasse in der Ergänzungswahl von nachmittags 2 bis 3 Uhr einen Stadtverordneten für den ausscheidenden Töpfereibesitzer Peter Paul Stahl und
    • die 1. Klasse in der Ergänzungswahl von nachmittags ½ 4 Uhr bis 4 Uhr einen Stadtverordneten an Stelle des ausscheidenden Herrn Apotheker Carl Anton Schmitz, in der Ersatzwahl von 4 bis 4 ½ Uhr nachmittags einen Stadtverordneten an Stelle des ausgeschiedenen Weinguts­besitzers Hermann Simon.

In dieser Wahlbekanntmachung nennt der Bürgermeister nicht ‑ wie es heute üblich ist ‑ die Wahlbewerber. Es ist ferner nicht bekannt, wie, wann und von wem die Kandidaten aufgestellt worden sind.

1906 hatte die Stadt Rheinbach 2243 Einwohner, von denen 318, also nur ca. 14% wahlberechtigt waren. Von den Wahlberechtigten gehörten ca. 4,7% zur 1. Klasse, ca. 16% zur 2. Klasse und 79,3% zur 3. Klasse. Die 15 Wähler der 1. Klasse waren berechtigt, genau so viele Stadtverordneten zu wählen wie die 252 der 3. Klasse, nämlich im Zeitraum von 6 Jahren auch 4. Aussagekräftiger für die Ungleichheit ist aber, dass die Stimme eines Wählers der 1. Klasse das ca. 17 fache Gewicht der Stimme eines Wählers der 3. Klasse hatte.

Durch die Ergänzungswahl im November 1906 wurden von der 3. Klasse die Herren Büttgenbach und Hubert Schorn wieder gewählt, in der 2. Klasse Herr Mauß neu gewählt, in der 1. Klasse Herr Schmitz wieder gewählt und in der Ersatzwahl Herr Grebe neu gewählt.

Da das Rheinbacher Kreisblatt das Stimmergebnis nicht mitteilt, ist eine eindeutige Aussage zur Wahlbeteiligung nicht möglich. Ein Annäherungswert könnte sich aber aus dem Stimmergebnis der Ergänzungswahl vom 20.11.1902 ergeben, weil die Einwohnerzahl in beiden Jahren fast gleich war und somit auch die Zahl der Wahlberechtigten identisch gewesen sein dürfte. In der Wahl 1902 wählten in der 1. Klasse 15 Bürger, vermutlich gleich 100%, in der 2. Klasse 49, vermutlich fast 100%, und in der 3. Klasse 230, vermutlich ca. 90%. Unterstellt man, dass die Wahlbeteiligung 1906 ähnlich gewesen ist, dann sind das Werte, die heute in Rheinbach weder bei einer Kommunal-, Landtags- noch Bundestagswahl zu erreichen sein dürften.

In der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 14.12.1906 wurde die Stadtratswahl für gültig erklärt.

Die Stadtverordnetenversammlung bestand ab Januar 1907 aus folgenden 12 Männern (alphabetisch geordnet, weil nicht bekannt ist, ob ein Stadtverordneter einer Partei angehörte und falls ja, welcher):

 

Angehöriger

der Klasse

und Nr. der

Wählerliste

Name

Vorname

Beruf

gewählt von

der Klasse

3 (130)

Blind

Jakob

Rentner

1

1 (2)

Bürvenich

Peter

Sparkassenrendant

2

1 (3)

Büttgenbach

Wilhelm Heinrich

Landwirt

3

1 (6)

Grebe

Friedrich Wilhelm

Kreistierarzt

1

1 (5)

Dr. Gerhartz

Heinrich

Arzt (Sanitätsrat)

3

2 (37)

Krautwig

Michael

Landwirt

2

1 (10)

Mauß

Josef

Landwirt (Gutsbesitzer)

2

2 (45)

Pfahl

Ludwig

Kaufmann

3

2 (53)

Dr. Schmitz

Josef

Oberlehrer

1

1 (12)

Schmitz

Carl Anton

Apotheker

1

2 (55)

Schorn

Hubert

Rentner

3

3 (67)

Schorn

Jakob sen.

Rentner

2

 

Dem Rat gehörten somit aus der

  • Wählerklasse 6 Stadtverordnete = 50%,
  • Wählerklasse 4 Stadtverordnete = 33,33% und
  • Wählerklasse 2 Stadtverordneter = 16,66% an.

Damit besaßen die Angehörigen der 1. Klasse die Hälfte der Mandate im Stadtrat. Interessant ist, dass die Wähler der 3. Klasse keinen Angehörigen der 3. Klasse, sondern 2 Angehörige der 1. Klasse (Büttgenbach und Dr. Gerhartz) und 2 Angehörige der 2. Klasse (Pfahl und Hubert Schorn) gewählt haben. Offensichtlich war die Klassenzugehörigkeit kein entscheidendes Kriterium für die Wahlentscheidung des Einzelnen, aber auch kein Merkmal für die Zusammenarbeit in der Stadtverordneten­versammlung im Sinne der heutigen Fraktion.

Die Kommunalwahl von 1908

Unter dem Datum vom 19.10.1908 gab Bürgermeister Commeßmann im Aushängekasten des Bürgermeisteramtes folgendes bekannt, das später auch im Rheinbacher Kreisblatt, nämlich am 21.11.1908, veröffentlicht worden ist:

  1. Ende 1908 scheiden wegen Ablauf ihrer Wahlzeit bzw. wegen Verzuges aus der hiesigen Stadtverordnetenversammlung aus:

    1. in der 3. Wählerklasse Herr Weinhändler Ludwig Pfahl,
    2. in der 2. Wählerklasse Herr Rentner Michael Krautwig und
      Herr Kreissparkassenrendant Peter Bürvenich und
    3. in der 1. Wählerklasse Herr Kreistierarzt Friedrich Wilhelm Grebe.
  2. Die Vornahme der nötigen auf 6 Jahre erfolgenden Ergänzungswahlen finden am Dienstag, den 24.11.1908 in der 1. Klasse der Knabenschule statt und zwar vor dem Wahlvorstand, bestehend aus dem unterzeichneten Bürgermeister oder einem von diesem zu ernennenden Stellvertreter als Vorsitzenden und den gewählten Stadtverordneten Rentner Hubert Schorn und Apotheker Carl Anton Schmitz oder den gewählten Stellvertretern Landwirt Wilhelm Heinrich Büttgenbach und Rentner Jakob Blind.

    • die 3. Klasse wählt vormittags von 10 Uhr bis 11 ½ Uhr einen Stadtverordneten für den ausscheidenden Kaufmann Ludwig Pfahl,
    • die 2. Klasse nachmittags von 2 Uhr bis 3 Uhr zwei Stadtverordnete für die ausscheidenden Rentner Michael Krautwig und Sparkassen­rendant Peter Bürvenich und
    • die 1. Klasse nachmittags von ½ 4 Uhr bis 4 Uhr einen Stadtverordneten für den ausgeschiedenen (wegen Verzuges) Kreistierarzt Friedrich Wilhelm Grebe.
  3. Da in jeder Klasse die Hälfte der auf sie entfallenden, in der Stadt­ver­ordneten­versammlung verbleibenden Stadtverordneten, Haus­besitzer sind, können diesmal auch Nichthausbesitzer gewählt werden.
  4. Das Wählerverzeichnis umfasste insgesamt 345 Namen. In der 1. Klasse sind 12 Personen, in der 2. Klasse 51 und in der 3. Klasse 282 genannt.
Auszug aus der Pressenotiz im Rheinbacher Kreisblatt vom 21.11.1908
Auszug aus der Pressenotiz im Rheinbacher Kreisblatt vom 21.11.1908

In dieser Wahlbekanntmachung nennt der Bürgermeister nicht ‑ wie es heute üblich ist ‑ die Kandidaten. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass diese am 19. Oktober noch nicht aufgestellt waren. Dem Rheinbacher Kreisblatt vom 21. November ist nämlich zu entnehmen, dass am 19.11.1908 eine Wahlversammlung des katholischen Bürgervereins zusammen mit dem Centrumswahlverein und dem Verein der selbständigen Handwerker und Gewerbetreibenden für Rheinbach und Umgebung mit dem Ziel stattgefunden hat, Kandidaten für diese Ergänzungswahl aufzustellen. Eine Einigung kam nicht zustande. Ob die drei Vereine jeder für sich Kandidaten für die 3 Klassen aufgestellt haben und falls ja, wen, ist nicht bekannt. Ferner ist unbe­kannt, ob Einzel­bewerber angetreten sind.

1908 hatte die Stadt Rheinbach 2293 Einwohner (50 mehr als 1906), von denen laut Wählerverzeichnis 345 (27 mehr als 1906), also nur ca. 15% wahlberechtigt waren. Von den Wahlberechtigten gehörten ca. 3,4% zur 1. Klasse (3 weniger als 1906), 14,8% zur 2. Klasse (gleich viele wie 1906) und 81,8% zur 3. Klasse (30 mehr als 1906). Die wenigen Wähler der 1. Klasse waren berechtigt, genau so viele Stadtverordneten zu wählen wie die 8 1, 8%, nämlich im Zeitraum von 6 Jahren auch 4.

Noch aussagekräftiger für die Ungleichheit ist aber, dass die Stimme eines Wählers der 1. Klasse das ca. 24 fache Gewicht der Stimme eines Wählers der 3. Klasse hatte – eine erhebliche Veränderung gegenüber 1906. Aus heutiger Sicht wäre das eine rechtswidrige Verzerrung des Wahlrechts, weil nach herrschender Meinung der Erfolgswert jeder Stimme gleich sein muss. Im Dreiklassenwahlrecht, das das Besitzbürgertum begünstigte, war das aber rechtmäßig.

Durch die Ergänzungswahl im November 1908 wurden die 3 Stadt­verordneten Bürvenich, Krautwig und Pfahl, die Ende 1908 ausscheiden mussten, wieder gewählt. Die in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg – von Ausnahmen abgesehen – übliche Wiederwahl führte dazu, dass sich die Zusammensetzung der Rheinbacher Stadtverordnetenversammlung über viele Jahre hinweg kaum veränderte. Für den wegen Wegzuges von Rheinbach ausgeschiedenen Herrn Grebe wurde Herr Breiderhoff gewählt.

Über die Wahlbeteiligung im Einzelnen berichtet das Rheinbacher Kreisblatt nicht, es meldet nur, Herr Pfahl habe rund 100 Stimmen erhalten. Das würde einer Wahlbeteiligung der Wähler der 3. Klasse von ca. 35% entsprechen. Unter Berücksichtigung dessen, dass die Wahl an einem Arbeitstag und nicht – wie heute üblich – an einem Sonntag stattgefunden hat, jeder Klasse nur eine sehr begrenzte Zeit von einer halben bis zu eineinhalb Stunden für die 3. Klasse zur Stimmabgabe zur Verfügung stand und die Wahl nicht – wie heute – geheim war, ist es ein beachtliches Teilergebnis hinsichtlich der Wahlbeteiligung. Später, während des 1. Weltkrieges, z. B. in der Wahl vom 24. November 1916, verschlechterte sich die Wahlbeteiligung erheblich. Im Vergleich zu 1908 hatte Rheinbach 1916 294 Einwohner mehr und deshalb wahrscheinlich auch mehr Wahlberechtigte. Aber es gingen in der 1. Wählerklasse nur 3 Bürger, in der 2. Wählerklasse lediglich 10 und in der 3. Wählerklasse nur 3 zur Wahl, was aber für die Gültigkeit der letzten Stadtratswahl während des Kaiserreichs ohne Bedeutung war. Deshalb hatte die Wahlbeteiligung in den drei Klassen im Interesse der Öffentlichkeit im Gegensatz zu heute keinen hohen Stellenwert.

Aufschlussreich für die veröffentlichte Meinung ist der folgende Kommentar zu der Wahl vom November 1908 im Rheinbacher Kreisblatt:

"Es freut uns, constatieren zu können, dass die rechten Männer und altbewährte, tüchtige Kräfte an der Spitze geblieben sind, die es verstanden, durch große Umsicht und Besonnenheit und unermüdliche Tätigkeit das Vertrauen der Bürger Rheinbachs sich zu erwerben, welche letztere in voller Anerkennung dieser Verdienste in pflichtfühlender Weise sich den Stadtvätern durch Wiederwahl erkenntlich und dankbar gezeigt haben. Bravo!"

Diese Stadtratswahl wurde in der Sitzung der Stadtverordneten­versammlung am 09.12.1908 für gültig erklärt.

Die Stadtverordnetenversammlung bestand ab Januar 1909 aus folgenden 12 Männern (alphabetisch geordnet, weil nicht bekannt ist, ob jemand zu einer Partei gehörte und falls ja, zu welcher):

 

Angehörigerder Klasse und Nr. der Wählerliste

Name

Vorname

Beruf

gewählt von der Klasse

3 (137)

Blind

Jakob

Rentner

1

3 (103)

Breiderhoff

Franz

Hauptmann a. D.

1

1 (2)

Bürvenich

Peter

Kreissparkassen­rendant

2

1 (3)

Büttgenbach

Wilhelm Heinrich

Landwirt

3

2 (28)

Dr. Gerhartz

Heinrich

Arzt (Sanitätsrat)

3

2 (49)

Krautwig

Michael sen.

Rentner

2

1 (7)

Mauß

Josef

Landwirt (Gutsbesitzer)

2

2 (21)

Pfahl

Ludwig

Kaufmann

3

2 (14)

Dr. Schmitz

Josef

Oberlehrer

1

1 (10)

Schmitz

Carl Anton

Apotheker

1

2 (54)

Schorn

Hubert

Rentner

3

3 (69)

Schorn

Jakob sen.

Rentner

2

 

Dem Rat gehörten somit aus der Wählerklasse:

  • 1 vier Stadtverordnete , also 33,4 %,
  • 2 fünf Stadtverordnete, also 41.6 %,
  • 3 drei Stadtverordnete, also 25 % an.

Im Vergleich zu 1906 hatten die Angehörigen der 1. Klasse zwei Sitze verloren. Die Angehörigen der 2. Klasse besaßen nun fünf Mandate im Stadtrat und bildeten die stärkste Gruppe. Diese Veränderung beruhte einerseits darauf, dass ein Angehöriger der 1. Klasse (Grebe), der vorher von der 1. Klasse gewählt worden war, ausgeschieden war und die 1. Klasse nun einen Angehörigen der 3. Klasse (Breiderhoff) gewählt hatte. Andererseits hatte der Bürgermeister Herrn Dr. Gerhartz von der 1. Klasse in die 2. Klasse wegen geringerem Einkommen bzw. verminderter Steuerleistung herabgestuft. Bemerkenswert ist ferner, dass die 3. Wählerklasse keinen Angehörigen der 3. Klasse, sondern einen Angehörigen der 1. Klasse (Büttgenbach) und drei Angehörige der 2. Klasse (Dr. Gerhartz, Pfahl und Hubert Schorn) gewählt hatte. Daraus darf geschlossen werden, dass das Merkmal Klassenzugehörigkeit für die Wahlentscheidung nicht ausschlaggebend gewesen ist, sondern die Wähler sich von anderen Kriterien wie z. B. Religions‑, Berufs‑ und Parteizugehörigkeit haben leiten lassen.

Nach einer Untersuchung der Zusammensetzung von Stadtverordneten­versammlungen aus dem Rheinland vom Jahre 1978 sollen die Stadtverordneten schon ab Ende des 19. Jahrhunderts mehrheitlich Vertreter politischer Parteien, ab 1911 sogar nur 10% parteilos gewesen sein.

Der Hauptgrund hierfür soll die Auseinandersetzung zwischen Katholischer Kirche und Staat im Rheinland gewesen sein. Von der 1. und 2. Wählerklasse seien meistens Vertreter der Liberalen und von der 3. Wählerklasse hauptsächlich Vertreter des Zentrums gewählt worden. Allerdings hätten Teile der katholischen Oberschicht nicht das Zentrum, sondern liberal-konservativ gewählt, sich also stärker von gesell­schaftlichen als konfessionellen Rücksichten leiten lassen.

Ob sich diese Erkenntnisse auch auf die Stadt Rheinbach anwenden lassen, ist nicht zu klären, weil die hierfür entscheidenden Akten ‑ wie die anderen Unterlagen der Stadt ‑ im März 1945 vernichtet worden sind.