Weshalb stannd Wilhelm, Prinz on Oranien-Nassau, 1673 vor den Toren Rheinbachs?

von Klaas de Boer

Dieser Text entspricht den am 2.11.2016 vor "Freunde des Archivs der Stadt Rheinbach" gehaltenen Vortrag. Er wurde textlich korrigiert und ist bildreicher und ausführlicher als der im Mitteilungsblatt 16-2017 des Rheinbacher Archivvereins abgedruckten.

Wer die Internetseiten der Stadt Rheinbach besucht, findet unter dem Stichwort "Geschichte" bei "Frühe Neuzeit" einen Text zu Ereignissen aus lange vergangener Zeit:

Eroberung Rheinbachs 1673
Eroberung Rheinbachs 1673
Die Eroberung Rheinbachs am 1. November 1673 in einer Grafik von Romeyn de Hooge (Bild Rijksmuseum).

Was mag wohl der Anlass dieses schrecklichen Ereignisses gewesen sein? Weshalb war ein niederländisches Heer vor Rheinbachs Tore gerückt? Und wieso stand das Heer unter Wilhelm von Oraniens Kommando? Was waren die Hintergründe seines Feldzuges?1 Um dies alles zu verstehen, muss man schon einige Jahrhundert zurückschauen. Es handelt sich um die Geschichte der Erbfolgen in den relevanten Territorien und europäischen Fürstentümern, aber ebenso um die inneren politischen Entwicklungen in den Niederlanden.

Das Mittelreich, Zerfall, und Vereinigung unter Burgund

Als das Erbe Kaiser Karls des Großen unter seine Enkel verteilt wurde, entstand zwischen dem Westfrankenreich und dem Ostfrankenreich das Mittelreich (einschliesslich Italien und der Kaiserwürde), das aber auch wegen seiner geografischen Lage keinen Bestand hatte. Nördlich der Alpen lagen in diesem Streifen die späteren Territorien bzw. Herrschaften Burgund, Elsass und Lothringen, dann Luxemburg und nördlich davon die vielen kleineren Gebiete, die durch Heirat und Erbe um 1473 in der Hand des Hauses Burgund vereint waren. Das Zentrum der Macht der Burgunder wurde das Gebiet von Flandern und Brabant, das wirtschaftliche Zentrum in NW-Europa, insbesondere mit den Städten Gent und Brüssel. Das ganze Gebiet nördlich von Frankreich wurde bald "die Niederlande" genannt.

Als Karl der Kühne von Burgund 1477 starb, trat seine Tochter Maria (*1457 Brüssel) im Alter von 20 Jahre das Erbe an. Die Provinzen akzeptierten sie als Landesherrin, man gelobte sich gegenseitige Erfüllung der Pflichten. Maria musste aber viele der von ihren Vorgängern geschmälerten Privilegien restituieren und dazu das Recht auf Selbstversammlung des "Großen Rat" der Stände einräumen. Um feindliche Angriffe (insbesondere von Frankreich) abzuwehren, heiratete sie im gleichen Jahr Maximilian von Habsburg, den Sohn Kaiser Friedrich III, eine Verbindung die schon läger anberaumt war. Maximilian selber wurde 1493 zum Kaiser gewählt.

Marias Enkel Carolus/Karl/Karel, der 1519 als Karl V. zum Kaiser gewählt wurde, erbte quasi ein Weltreich: die habsburgische Länder, Spanien (Castilien, Aragon, Sardinien, Sizilien, Napels) als König Carlos I, die Burgundischen Niederlande und das Kolonialreich in Amerika. Bald überliess er die Verwaltung der habsburgischen Lande seinem jüngeren Bruder Ferdinand (1556 zum Kaiser gewählt). 1555 gingen sein spanischer Besitz und die Niederlande an Karls Sohn Philipp (Philipp II. als spanischer König). Philipp (1529 geboren) erfuhr in Spanien eine streng konservativ-katholische Erziehung.

Nassau in den Niederlanden ab 1403, Oranien.

Karl V. verzichtete 1555 auf alle seine Herrscherwürden. Bei seiner Abdikation stüzte er sich auf die Schulter Wilhelms, des Prinzen von Oranien und Grafen von Nassau. Weshalb war dieser Wilhelm von Nassau dem Kaiser so nah?

Wappen Nassau

1403 heiratete Johanna van Polanen mit Wohnsitz Breda (Erbtochter vieler Güter und Herrschaften in Brabant, Holland, Zeeland und Utrecht und im Hennegau) Engelbrecht I. von Nassau-Dillenburg (aus der Ottonischen Linie). Deren Sohn Jan van Nassau-Breda2 erbte all diesen Besitz sowie Nassau (als Jan IV. in der Nassauischen Zählung). Er und mehrere Verwandte und Nachkommen hatten dann viele Verwaltungsfunktionen in den niederländischen Gebieten inne. So wurde der Urenkel von Engelbrecht I. und Johanna, Hendrik III. van Nassau-Breda, Drossaart von Brabant. Er wurde, als der junge Karl von Habsburg verwaiste, zu einem der Erzieher ernannt. Und Karl ernannte 1515 Hendrik III van Nassau-Breda zum Statthalter von Holland und Zeeland.

Willem van Oranje Nassau

Hendrik III hat dreimal geheiratet. Seine zweite Gattin war Claudia de Chalons, Erbtochter von Jean IV, Prince d' Orange. Dieses Paar bekam 1519 den Sohn René van Nassau-Breda, der sich, nach dem er 1530 das Fürstentum Orange geerbt hatte, René de Chalons nennt. 1540 wird er zum Statthalter von Holland und Zeeland ernannt. Aber 1544 stirbt René nach der Schlacht bei St.Dizier (Karl V. steht ihm am Feldbett bei). Er überlässt seinem Neffen Wilhelm von Nassau (geb. 1533) das Fürstentum Orange als Erbe; dieser Wilhelm von Nassau nennt sich dann Wilhelm Prinz von Oranien, Graf von Nassau-Dillenburg, Herr von Breda. Er war von Geburt her protestantisch. Später, am Hofe in Gent/Brüssel (ab 1544), wurde er katholisch erzogen.

Aufstand der Niederländer gegen Philipp II König von Spanien

Nachdem Philipp II. das spanische Reich übernommen hatte, ernannte er Willem van Oranje-Nassau zum Statthalter in Holland und Zeeland, Philipps Halbschwester Margaretha wurde Statthalterin in den südlichen Provinzen.

Als Folge seiner konservativ-katholischer Erziehung sieht Philipp es als seine Aufgabe an, der Reformation in den Niederlanden nach Kräften entgegenzuwirken. Die Kosten der dazu notwendigen Maßnahmen (Verwaltung, Inquisition, Heer) sollen durch eine Anhebung der Steuern bezahlt werden. Aus diesem Grund und wegen der militärischen Repression und den damit einhergehenden Greueltaten kommt es zum Aufstand. Die Unfriede äussert sich in einem Bildersturm (1566) in Flandern, Brabant und Holland. Nach langem Zögern schlägt Willem van Oranje-Nassau sich wegen des von den Spaniern verübten Unrechts auf die Seite der Aufständischen "da der König von Spanien sein Gelöbnis nicht hält". Und nach weiterem inneren Ringen bekennt er sich 1573 endgültig zum Protestantismus. Die spanischen Heere versuchen, den Aufstand zu unterdrücken. Die betroffenen Provinzen leiden schwer unter Verfolgung und Krieg, aber der Aufstand gelingt. Schliesslich, 1581, erklären die sieben nördlichen Provinzen sich unabhängig von Spanien. Die Generalstaaten bitten Willem van Oranje-Nassau die Funktion des Statthalters (nun de facto so etwas wie Regierungsoberhaupt) weiter zu erfüllen.

Entstehung der niederländischen Republik

Spanien versucht nun mit allen Mitteln, den Aufstand niederzuschlagen. Dies geschieht in vielen spanischen Feldzügen (die spanische Heere müssen über die Alpen anmarschieren!) und Belagerungen, die viel Leid bringen, aber auch Widerstand erzeugen. 1584 stirbt Willem van Oranje durch ein Attentat (spanisches Kopfgeld!). Damit verlieren die Provinzen ihre charismatische Leitfigur.

Traditionsgemäß würde der Lehnsherr einen neuen Statthalter benennen. Aber seit der Unabhängigkeitserklärung gibt es keinen Lehnsherren mehr. Die Generaalstaaten diskutieren und erwägen: soll man Königin Elisabeth von England die Lehensherrschaft antragen? Oder vielleicht König Henri III von Frankreich? Beide Möglichkeiten haben Vorteile, aber sicher auch Nachteile.Letztendlich lehnen beide ab; einerseits wegen des Krieges mit Spanien, andererseits, um keinen möglichen Präzedenzfall zu schaffen: es könnten u.U. Provinzen ihres Herrschaftsbereiches sich ihre Lehnsherren selbst aussuchen wollen. Schliesslich entscheiden die Generalstaaten sich, Willems Sohn Maurits van Oranje-Nassau (Enkel von Moritz von Sachsen) zu bitten, die Funktion des Statthalters zu übernehmen. Und damit haben sich die Niederlande de facto zu einer Republik gewandelt.

Niederländische Garnisonen wurden 1614 (nach dem Ende des Erbstreits um das Herzogtum Cleve) zur Abschirmung spanischer Angriffe am Niederrhein stationiert (umkreist). Die Festung Pfaffenmütz der Niederländer entstand 1621.

Der Streit um die Unabhängigkeit und die Vertreibung der Spanier geht weiter und ist 1598 mehr oder weniger beendet. Die sieben nördlichen Provinzen bilden nun eine selbständige Staatseinheit. Aber die Drohung aus Spanien bleibt. Das ist der Grund, 1614 die Möglichkeit zu nutzen, niederländische Garnisonen in mehreren Städten am Niederrhein zu stationieren, um die Südostseite der Niederlande gegen Angriffe abzusichern. Es gibt aber immer weniger Feldzüge und der Handel floriert, so wie sich die Holländer das wünschen. Das Heerwesen wird vernachlässigt. Die Unabhängigkeit der Niederlande wird schließlich im Westfälischen Frieden von allen europäischen Staaten anerkannt.

Die europäische politische Lage 1650-1670

Der Westfälische Frieden sollte über längere Zeit zu einem friedlichen Zusammenleben in Europa führen. Aber es gibt immer irgendwelche Störenfriede.....

In Frankreich folgt Louis XIV 1643 (geboren 1638) als König, ab 1661 regiert er absolut. Er ist machtbesessen, betreibt die Ausdehnung seines Königsreichs (wie auch mehrere seiner Vorgänger) durch Erpressung, Erbschaftsargumente und Eroberungskriege. Er sieht Frankreich bedroht, ringsherum liegen habsburgisch regierten Länder!

Als 1665 Philipp IV von Spanien stirbt, erhebt Louis XIV fadenscheinige (Erb-)Ansprüche auf spanisches Gebiet, darunter auch auf Artois, Brabant, Namur, Obergelre und mehr. Er schmiedet eine Allianz und Holland beteiligt sich (Spanien ist eben der Erbfeind). Auch die Bistümer entlang dem Niederrhein machen mit. Louis XIV attackiert 1666 die spanischen Niederlande. Die meisten der eroberten Territorien müssen er und Münster nach kurzem Krieg zurückgeben.

Das römische Kaiserreich ist eine lockere Gemeinschaft unabhängiger großer, kleiner und winziger Herrschaftsbereiche. Regionale Interessen dominieren die politsche Lage. Der gewählte Kaiser hat es schwer, in für das Reich bedrohlichen Lagen die notwendigen Gelder zur Aufstellung eines Heeres bewilligt zu bekommen.

In den Niederlanden stirbt 1650 der drei Jahre zuvor ernannte Statthalter Willem II. Sein Sohn, der vielleicht einmal Willem III sein sollte, war gerade geboren. Nun entscheiden sich aber die Staaten von Holland und Zeeland, keinen neuen Statthalter zu ernennen. Auch die Generaalstaaten finden es opportun, ohne Einmischung durch einen Oranje-Prinzen regieren zu können. (In den Provinzen Friesland, Groningen und Drente bleibt einen Nebenzweig von Nassau im Amt.)

Die Republik der Vereinigten Niederlande setzt auf das Vermeiden von Kriegen um dem Handel nicht zu schaden. Intern gibt es zwei politische Strömungen, die der "Staatsen" (Republikaner) und die der "Orangisten" (derjenigen, die unbedingt einen Prinzen van Oranje-Nassau als Regierungsoberhaupt haben wollen). Dazu kommt, dass es in den Provinzen oft regional orientierte Fraktionen gibt, die sich bezüglich der Landespolitik auch nicht einigen können. Entscheidungen werden im "Staaten Generaal" besprochen, die Repräsentanten beraten sodann in den Provinz-Staaten unter großen Schwierigkeiten und kehren nach Abschluss der Provinzberatungen mit Empfehlungen nach Den Haag zurück. Einstimmigkeit wird schwer erreicht und die Diskussionen zusammen mit den Beratungen in den Provinzen können lange dauern (ähnlich wie zur Zeit, 2016, Entscheidungen in der Europäischen Union). Das Ausland sieht diese interne politische Konstellation als Schwäche, die die Entscheidungsfähigkeit der Niederlande stark beeinträchtigt. Dazu kommt, dass, auf Betreiben Englands, die Provinzen Holland und Zeeland entschieden haben, nie wieder einen Oranje-Nassau als Statthalter zu akzeptieren.

Die Allianz von 1671: Frankreich, England, Chur-Cöln, Münster

Louis XIV bereitet einen erneuten Versuch vor, die spanischen Niederlande zu erwerben. Diesmal ist die Taktik, nicht diese Länder sondern die Niederlande anzugreifen und zu erobern in der Erwartung, dass ihm danach die spanischen (süd-niederländischen) Territorien, nach dem Ableben des wohl zeugungsunfähigen spanischen Königs Karl II., aus rein geografisch-strategischen Gründen zufallen würden.

 

Die Kontrahenten der Koalition von 1671 zum Angriff auf die Niederlande 1672

Charles II, König von England (Bild Wikipedia). Obwohl Schwiegervater von Willem III van Oranje, waren ihm die Macht Englands und die Beherrschung der Meere wichtiger.
Louis XIV, König von Frankreich (Bild Wikipedia). Er war bedacht auf Kriegsglorie und Machtvergrößerung.
Maximilian von Bayern, Churfürst von Cöln und Bischof von Lüttich (Bild Wikipedia)
Bernhard von Galen, Bischof von Münster. Seine Spezialität war die Entwicklung von Kanonen und Bomben (Bild Wikipedia). Man gab ihm daher bald den Spitznamen "Bommen Beerend"

 

Louis XIV schliesst Verträge (basierend auf großen Geldzahlungen) mit England (Angrif auf die Niederländischen Flotte,ggf Landung in Zeeland), mit Chur-Cöln (Bischof Maximilian von Bayern ist auch Bischof von Lüttich, somit gibt es einen Land-Korridor für Frankreich durch die spanischen Nierderlande zum Rhein), und mit Münster (Bischof Bernhard von Galen rühmt sich Experte im Bau von Kanonen zu sein und möchte sich gerne wieder an einem Krieg gegen den Niederlanden beteiligen). Franz Egon von Fürstenberg, der Bischof von Straßburg, ist gleichzeitig Geschäftsführer des Cölner Churfürsten. Franz und sein Bruder Wilhelm Egon von Fürstenberg sind wohl die Drahtzieher der Cölner frankophilen Politik gewesen.3

Damit nicht genug. Es gelingt Louis XIV, ins geheim einen Nicht-Angriffsvertrag mit Preussen abzuschliessen sowie einen Vertrag mit dem Kaiser, das Deutsche Reich aus dem Krieg herauszuhalten.

In den Niederlanden ist die republikanische Fraktion stark und die Generaalstaaten haben in den vielen Jahren ohne Krieg die niederländische Armee, einst die bestorganisierte in Europa, vernachlässigt. Trotz wirtschaftlicher Dominanz haben die Niederlande wohl den Höhenpunkt ihrer Macht hinter sich. In dieser Gesamtlage sieht Louis XIV der Weg für den Angriff frei. Die Vorbereitungen zum Krieg können aber nicht geheim bleiben und es wird unruhig in den Niederlanden.

Angriff auf den Republik der Vereinten Niederlande 1672

England greift mit seiner Flotte niederländische Schiffe an. Frankreich, unter den Generälen Condé, Luxembourg, und Turenne, greift mit 130 000 Soldaten an (die Republik hat 30 000).Die französische Armee marschiert über Lüttich an Maastricht vorbei, danach über die Maas in östliche Richtung und dann beiderseits des Rheins in nördliche Richtung. Die nach dem Jülicher Erbfolgekrieg 1609 in Orsoy, Rheinberg, Cleve, Rees, Wesel und Emmerich lagernden niederländischen Garnisonen geben schnell auf. Münster fält zusammen mit chur-cölnischen Truppen in Overijssel und Drenthe ein.

Louis XIV überquert am 12 Juni 1672 mit seinem Heer den Rhein bei Tolhuis nahe Lobith und vermeidet so die östliche niederländiche Verteidigungslinie entlang der IJssel (Gemälde von Adam Frans van der Meulen; Rijksmuseum)

Am 12 Juni folgt ein herber Schlag: die französischen Truppen überqueren unter Führung von Louis XIV den Rhein in Richtung Westen und vermeiden dadurch schwierige Gefechte an der niederländischenIJssel-Verteidigungslinie. Sie stoßen durch Nieder-Gelre nach Utrecht vor. Holland wird aber vom Wasser gerettet: man öffnet Schleusen und durchsticht Deiche, sodass eine Wasserfläche entsteht, die von der Zuiderzee bis Dordrecht reicht.

Willem III van Oranje, 22 Jahre jung (Bild Rijksmuseum)

In Holland ist Panik ausgebrochen. Der Ruf nach "Oranje" erklingt. Willem III van Oranje-Nassau (22 Jahre alt) wird zum Kommandeur des Heeres ernannt und er beginnt sofort mit dessen Reorganisation. Kurz danch folgt auch seine Ernennung zum Statthalter, entgegen der früheren Entscheidung der Staaten von Holland. Unzuverlässige Kommandeure werden von jüngeren Vertrauten ersetzt.4 Nun gelingt es dem niederländischen Botschafter am Hofe von Brandenburg-Preussen, Herr Godert Adriaan van Rheede, nach komplizierten Verhandlungen zwei Verträge auszuhandeln: Preussen schlägt sich auf der Seite der Niederländer mit einem Heer von 20 000 Mann (von den Niederlanden zu bezahlen!)und auch Österreich sagt Unterstützung zu, um die drohende französische Vormachtstellung in Europa zu verhindern.

Die französiche Besatzungsmacht unter dem Kommando von General Luxembourg verübt extreme Greueltaten (später werden Historiker die Beschreibungen als nicht übertrieben anerkennen). Die Franzosen rauben die von Ihnen besetzten Gebieten (Utrecht, Gelre) aus, auch durch hohe Abgaben und Erpressungen. Münster raubt im Norden, dringt in Friesland ein, aber kommt wegen guter Verteidigung (Wasser) nicht sehr weit.

Ausschnitt aus einem Pamphlet zur Illustration der französichen Gewalttaten 1672 in Utrecht und Gelre (Romeyn de Hooge; Rijksmuseum)

Die Münsterschen und Cölnischen Heere beginnen eine Belagerung der Stadt Groningen, die aber nach 5 Wochen abgebrochen wird (wohl vor allem wegen der ausgebrochenen Seuchen). Dieser Abbruch bringt den Niederlanden einen Hoffnungsschimmer. Willem III versucht, die verloren gegangene Festung Naarden am Zuiderzee zurückzuerobern, aber dies gelingt nicht. Gleichzeitig arbeitet er mit voller Kraft weiter am Ausbau der Heere.

Im Winter 1672-73 bricht das Preussische Heer, zusammen mit habsburgischen Truppen unter General Montecuccoli Richtung Westen auf. Frankreich sieht sich jetzt bedroht und schickt General Turrenne mit einer Kriegsmacht. Beide Parteien bewegen sich in Schnee und Eis durch Westfalen, man begegnet sich bei Soest, aber es kommt zu keiner Schlacht. Der niederländische Botschafter van Rheede zieht mit dem Preussischen Heer mit, wundert sich uber die wechselnde Marschrichtungen und das Ausbleiben einer Schlacht, bis er später von den geheimen Nicht-angriffsverträgen mit Frankreich erfährt.5

Auf der Karte (mit Nordrichtung nach rechts-oben) ist das Territorium der Niederlande schematisch blau markiert, die vom Feind eroberten Gebiete im rot. Die Buchstaben deuten auf die Städte P=Paris, K=Cöln und M=Münster. Die violet gestrichelte Linie umkreist das von den Franzosen sehr gewalttätig leergeraubte Gebiet. Annotierte Karte aus "Theatrum Europaeum" (Besitz Autor)

Gegenangriffe 1673

Die niederländische Flotte setzt auf eine Seeschlacht gegen England und Frankreich. Unter Leitung von Admiral de Ruyter werden drei Schlachten gewonnen. Damit sind England und Frankreich maritim ausgeschaltet, den niederländischen Handelsschiffen stehen die Meere wieder offen.

Auf dem Land ändert sich die Lage nun ziemlich schnell.
Juni: unter Leitung von Schweden (zur Zeit Großmacht) beginnen in Cöln Friedensverhandlungen.
Juli: Louis XIV belagert selber Maastricht und nimmt die Stadt ein.
August: Spanien schlägt sich auf die Seite der Niederländer.
August: Frankreich fällt in Lotringen, dem Elsass und Burgund ein. Danach wird das Bistum Trier besetzt, die Stadt belagert und erobert. Frankreich kontroliert jetzt den ganzen Rhein zwischen Basel und den Niederlanden. Turenne stößt mit seinem Heer durch Hessen bis Unterfranken vor.
August: Kaiser Leopold I entschliesst sich für den Krieg gegen Frankreich und vereinbart ein Bündnis mit Preussen und den Niederlanden.
September: Willem van Oranje gewinnt Naarden zurück. Danach zieht er seine Heere im nordwestlichen Brabant zusammen.

Der Herbst naht und die Kriegssaison neigt sich dem Ende zu. Was treibt Willem van Oranje im niederländischen Brabant? Wohin will er? Richtung Süden nach Charleroi, um danach Frankreich anzugreifen? Oder was sonst?

September: Am letzten Septembertag 1673 nimmt Willem van Oranje Quartier in der Garnison von Roosendaal.
Oktober: Am 6. Oktober fährt er in der Kutsche mit Gefolgsleuten und seiner berittenen "blauen Garde" von Roosendaal nach Antwerpen, wo der spanische Gouverneur Graf Monterey ihn begrüsst und der Magistrat der Stadt "ihm den Wein schenkt".6 Die Tage danach sind angefüllt mit Besprechungen.
Am 13. Oktober zieht Willem van Oranje mit seinem Heer gegen Südosten nach Herenthals im spanischen Brabant, wo ein spanisches Kontingent unter Marquis d'Assentaire sich anschliesst. Am 16. Oktober erklärt Spanien Frankreich den Krieg.7 Danach setzt sich das kombinierte niederländisch-spanische Heer mit insgesamt etwa 20 000 Soldaten in Richtung Venlo in Bewegung.

Von Venlo in Richtung......

Der Marsch von Willem van Oranjes Heer verläuft so ziemlich problemlos. Die Maas wird nach Bau einer Brücke am 22. Oktober überquert und man erreicht am 23. Oktober Dalen. Ohne daß Willem dies weiss: ebenfalls am 22.10. überquert ein Teil des kaiserlichen Heeres mit General Montecuccoli den Rhein bei Mainz.

Das Ziel des Feldzugs ist, möglichst bald auf das kaiserliche Heer zu treffen um dann gemeinsam Chur-Cöln anzugreifen. Wie genau, soll noch geklärt werden, womöglich in einer Vorbesprechung in Coblentz oder auf der Festung Hammerstein8 (seit Mai 1673 haben Stadt und Festung auf Bitten des Bischofs von Trier eine kaiserliche Garnison).

Am 26. Okt. nächtigt Willem van Oranje in Schloss Bedburg. Die Wege sind voller Flüchtlinge; Bauern mit Vieh und Gut versuchen sich nach Cöln zu retten. Ein Kontingent des Heeres gelangt bis vor die Cölner Pforten, greift aber nicht an. Für uns erstaunlich: Willems Heeresführer und Soldaten kaufen frei in Cöln ein. Am 30.10. nächtigt Prinz Willem im Schloss zu Brühl, auch "um zu sehen, an welchem Ort 1671 die Bisschöfe von Straßburg, Cöln und Münster mit dem französischen Minister Verjuys die Angriffe geplant haben". Der Magistrat von Cöln "schenkt ihm in Brühl den Wein" ! 9

Eroberung von Rheinbach und Bonn

Am 1.11. bricht Willem van Oranje wieder auf, zieht an Metternich vorbei und gelangt am Nachmittag vor Rheinbach. Die Aufforderung, die Tore zu öffnen, wird von den Rheinbachern abgelehnt. Als dies nach der zweiten Aufforderung erneut verweigert wird, gibt Willem das Kommando zur Erstürmung durch die Garde und die Dragoner von Kurland. Wie danach Rheinbach verwüstet wurde, kann dem 1680 auf französisch veröffentlichten Bericht von Constantijn Huygens, Willems Sekretär, entnommen werden.10 Joris de Hertoghe, Herr van Valkenburg, wurde zum Gouverneur von Rheinbach ernannt mit dem Auftrag, die Stadt sofort wieder in verteidigungsfähigen Zustand zu versetzen.11
Willem selber findet Quartier in Flerzheim.

Das Heer unter Leitung von Willem III van Oranje zieht von der Maas in südöstliche Richtung ("etwa entlang der A61") um zusammen mit dem kaiserlichen Heer den chur-cölnischen Regierungssitz Bonn zu erobern. Auf dem Weg dorthin setzt sich die Stadt Rheinbach zu Wehr....
(Karte: Herzogtümer Jülich und Berg, von Bleau, ~1645; Nord ist oben.)

Dann geht es weiter in Richtung Ahrtal. Bei Ahrweiler erreicht ihn die Mitteilung von General Montecuccoli, die kaiserlichen Heere seien schon bei Bonn, vornehmlich auf der rechten Rheinseite, und Willem möge doch nach Godesberg kommen.12 Weitere kaiserliche Truppen befänden bereits vor Deutz, gegenüber Cöln.13 Willem eilt dann zum Generalstreffen nach Godesberg. Er besichtigt mit General Montecuccoli die Festung Bonn, und die Belagerung der Stadt wird beschlossen.

Willem hat vermutlich einen Großteil seines Heeres im Swisttal zurückgelassen und jetzt kommt das Heer herüber in das Rheintal. Willem wählt Poppelsdorf (das Schloss?) zum Hauptquartier.

Die Bisschöfe von Cöln und Straßburg sind schon nach Cöln geflüchtet und haben sich im Karmeliterkloster versteckt. Der Bisschof von Straßburg flüchtet bald (weiter) nach Düsseldorf.

Willem III van Oranje erobert den Halbmond vor Bonns Cölner Tor. Bonn gibt dann den Widerstand bald auf (Detail der Grafik von Romeyn de Hooge; Rijksmuseum).

Am 10.11. greift General Montecucculi Bonn von Süden an, Willem van Oranje von Norden. Die Stadt hat inzwischen moderne (französische) Verteidigungswerke und eine Besatzung von 5000 Franzosen, sowie große Vorräte. Es gelingt den Truppen von Willem van Oranje, den Halbmond vor dem Cölner Tor zu vernichten (Willem ist selber dabei; er ist gerne bei seinen Soldaten) und am 13.11. gibt die Stadt auf.14 Der Abzug der in der Stadt gelagerten Truppen ist ehrlos: mit stiller Trommel, ohne Gewehre, ohne Kanonen, die Cavalerie zu Fuß und ohne Pferde. Alle Vorräte fallen den Siegern in die Hände: Winterbekleidung für 60 000 Menschen, Unmengen an Lebensmitteln und fast 70 Kanonen. Der Sieg ist komplett.

Die kaiserlichen und niederländischen Truppen erobern und besetzen dann weitere Städte nördlich von Köln (Deutz, Neus, Düsseldorf, Zons). Die Franzosen in den nördlicheren Regionen ziehen sich fluchtartig in Richtung Frankreich zurück. Durch diesen Sieg sind die französichen Allierten zu schnellen Friedensverträgen gezwungen.

Die Sieger gratulieren sich nach iher Eroberung von Bonn 1673. Die Namen einiger Kommandeure sind (mit Alter) angegeben. Diese bildliche Erzählung zeigt in Bildmitte auch die Eroberung Rheinbachs (Grafik von Romeyn de Hooge; Rijksmuseum).

Weshalb Rheinbach 1673?

Die am Anfang gestellten Fragen können nun, in Abfolge vom Detail zum Allgemeinen, beantwortet werden.- Die Stadt Rheinbach wurde geplündert, da sie sich "zu lange" zu Wehr gesetzt hatte.
- Es war das niederländische Heer, da auf dessen Heerweg zufällig Rheinbach lag.
- Die Führung hatte Willem van Oranje, da er ihr Heereskommandant (und die Leitfigur in den von den Franzosen schwer angegriffenen Niederlanden) war.
- Rheinbach lag auf dem Weg zum ursprünglich in Coblentz geplanten Generalstreffen von Willem van Oranje mit General Montecuccoli, dem Kommandeur des kaiserlichen Heeres.
- Der Angriff auf Chur-Cöln fand statt, weil sich der Churfürst mit dem Feind des Deutschen Reiches verbunden hatte.
- Die Feinde (Frankreich mit Verbündeten) waren für das Reich und die Niederlande bedrohlich geworden, da sie mit den Angriffen von 1672 und 1673 fast den ganzen Rhein kontrollierten.

Ansonsten war Rheinbach in diesem Krieg bedeutungslos, es war aber die Stadt, in der sich die niederländische Truppen besonders unschön benommen haben.

Wie es weiter ging

Die Niederlande sind seit 1674 wieder frei von französischer Besatzung. Ganz langsam macht man sich an den Wiederaufbau, das niederländische Heer bleibt vorerst verteidigungsbereit. Im gleichen Jahr wird eine neue Allianz gebildet (Niederlande, Spanien, Österreich, Lothringen) unter der Führung von Willem van Oranje. Die Friedensverträge der Niederlande mit England und Münster kommen bald zustande, der Vertrag mit Frankreich erst 1679.

Aber Frankreich intrigiert weiter. 1689 sind wieder französische Truppen in Bonn (um die Nachfolge in Chur-Cöln zu beeinflussen) und wieder stehen niederländische Truppen vor Bonn. Die Stadt wird erobert und vernichtet. Inzwischen ist 1688 Willem III van Oranje-Nassau auch König von England geworden. Die politische Lage in Europa hat sich grundlegend geändert. Louis XIV führt dennoch weitere Kriege, die Teile des Deutschen Reiches verwüsten.

Und Rheinbach selbst?

Die Stadt leidet unter den immer wieder aufziehenden Heeren verschiedener Herkunft. Zum Teil werden nur Truppen gelagert (Proviantierung!), aber sie bringen auch gravierenden Schäden:15
1679: Alliierte Truppen bleiben im Bonner Raum 1673-1679.
1687: Die Stadt brennt zu 70% nieder (dabei geht das Stadtarchiv verloren).
1689: Französiche Truppen in Bonn, Niederländer (und kaiserliche) vor Bonn.
1690: Brandenburgische und kaiserliche Kavallerie in Rheinbach und Flerzheim.
1703: Niederländische Truppen lagern in Rheinbach.
1734-1744: Viele Heeresbewegungen im oberen Swisttal.




Fußnoten
1 Für diesen Text wurden mehrere Wikipedia-Internetseiten zur Geschichte herangezogen. Für Niederländische Geschichte siehe insbesondere: J.I. Israel (1998), "The Rise, Greatness, and Fall of the Dutch Republic - 1477 to 1806"; Oxford UP.
2 In diesem Text werden, ab dieser Stelle, die Namen von Personen (und Ortschaften) auf regionsübliche Art geschrieben.
3 L. Panhuysen (2009), "Rampjaar 1672"; Atlas Contact; S.59.
4 L. Panhuysen, Op. cit., S.287ff.
5 L. Panhuysen, Op. cit., S.307ff.
6 J. Konynenberg (1674), "Vervolg der Franse, Engelse, Keulse, Munsterse, en Nederlandse Oorloge" (hiernach "Oorloge"), Amsterdam; S.90. Der Ausdruck "Schenkt ihm den Wein" steht für die Ehrenhandlung, womit einem hohen Gast der Wein gereicht wird; siehe z.B. "Das Buch Weinsberg" (J.J. Häßlin, 1997).
7 "Oorloge", Op. cit., S.91-92.
8 Später heist die Festung "Ehrenbreitstein".
9 "Oorloge", Op. cit., S.103.
10 R. Thomas (1987), "Der Ort Flerzheim an der Swist"; in "Beiträge zur Geschichte der Stadt Rheinbach, Band 4" S.77-79. Hier ist eine Übersetzung des Augenzeugenberichts zu finden.
11 "Oorloge", Op. cit., S.105.
12 N. Japikse (1930), "Prins Willem III - De Stadhouder-Koning"; J.Meulenhoff, Amsterdam; S.330.
13 "Oorloge", Op. cit., S.105.
14 "Oorloge", Op. cit., S.156-159.
15 R. Thomas, Op. cit., S.85ff.